Handbuch 5. Auflage
Soziale Netzwerke 1491 (sowie alltagspraktischen oder pflegerischen; U.O.) Pro- blemen diese zu professionellen Helfern und Helferinnen tragen, dass diese wie auch immer die Probleme lösen und dass die Betroffenen danach unbeschwert weiterle- ben könnten […]. Die meisten Menschen vertrauen viel- mehr ihre Probleme nicht Professionellen an, sondern suchen vor allem in den oft entscheidenden frühen Pha- sen der Krisenentwicklung Ansprechpartner aus ihrem engeren Lebensraum und Helfer und Helferinnen in den alltäglichen Beziehungen und sie finden sie dort auch. Oft kennen sie diese Menschen und vertrauen ihnen. Sie ha- ben Zugang zu ihnen und wissen, dass man ihnen zuhört, wenn sie reden wollen. Sie finden Hilfe in Krankheiten, erhalten Versorgung und Pflege, wenn es nötig wird“ (Nestmann 2000, 128). Kurz: Konkrete Hilfen verstanden als soziale Un- terstützung sind der allgemeinste Bezugspunkt für das so verbreitete und ungebrochene Interesse an sozialen Beziehungssystemen zwischen Menschen und an ihrer Bedeutung für die Erhaltung von Wohlbefinden sowie für den Schutz vor Stress und Krankheit – ablesbar an der inzwischen schier un- überschaubaren Anzahl empirischer Einzelarbeiten und einer vor allem in der Social-Support-For- schung weitentwickelten Theoriebildung. Die überdurchschnittlich hohe Aufmerksamkeit für eben diese Unterstützungsaspekte hat teilweise dazu geführt, dass soziale Netzwerke – mitunter ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen – zu- mindest funktional in eins gesetzt werden mit Un- terstützungsnetzwerken. Im Folgenden werden wesentliche Beschreibungs- konzepte sozialer Netzwerke kurz vorgestellt. Zu ihren vielfältigen Varianten wird – abgesehen von einigen übergreifenden Kategorisierungen – hier auf die vorhandene Literatur (z. B. Röhrle 1994) verwiesen. Meist werden die drei Ebenen der nach- folgenden Abbildung unterschieden, teilweise er- gänzt durch eine evaluative Ebene. Folgende Ab- bildung veranschaulicht in Anlehnung an die Übersicht bei Röhrle (16) die Merkmale sozialer Netzwerke. Auch in dieser Übersicht hat die soziale Unterstüt- zung innerhalb der mittleren Ebene der Funktio- nen eine herausgehobene Stellung. Immerhin aber wird eine dazu komplementäre Seite in vergleichs- weise größerem Umfange ebenfalls gesehen und erforscht. Sie ist in der o. g. Matrix von Röhrle ebenfalls als Funktion sozialer Unterstützung auf- geführt und markiert bereits ihrerseits einen klassi- schen Anknüpfungspunkt zu Basistheorien Sozialer Arbeit. Dass Netzwerke und Unterstützungen kei- neswegs immer „supportive“ sind – diese schlichte, aber wichtige Erkenntnis wird etwa in all jenen Untersuchungen nicht berücksichtigt, die soziale Unterstützung mit jeglicher sozialer Interaktion gleichsetzen und in Form allgemeiner Netzwerk- I Relationale Merkmale A Starke vs. schwache Bindungen (Intimität, Intensität) B Kontakt- bzw. Interaktionshäufigkeit C Latente vs. aktualisierte Beziehungen D Dauer (Stabilität) E Multiplexe vs. uniplexe Beziehungen (Vielartigkeit der Beziehungsinhalte; z.B. diverse Rollenbeziehungen) F Egozentriertheit vs. Altruismus G Reziprozität H Homogenität I Homogenität II Kollektiv und individuell bedeutsame funktionale Merkmale A Soziale Unterstützung (Sicherheit, Rückhalt usw.) B Soziale Kontrolle (Normorientierung, Übermittlung von Werten) III Merkmale der Morphologie – Größe (Zahl der definierten sozialen Elemente; z.B. Personen, Organisationen, Nationen) – Dichte (Zahl der tatsächlich vorhandenen zur Gesamtzahl der möglichen Beziehungen) – Erreichbarkeit (Möglichkeiten zur Herstellung von direkten und indirekten sozialen Beziehungen zwischen undefinierten oder definierten Mengen von Verknüpfungspunkten (Pfaden)) – Zentralität (Grad der sozialen Integration) – Cluster/Cliquen (Zahl der partiell oder total abgrenzbaren, in sich dichten Netzwerkteile) – Sektoren/Zonen (Familie, Verwandte, Freunde usw.) Abb. 1: Merkmale sozialer Netzwerke (nach Röhrle 1994, 16)
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