Handbuch 5. Auflage
1494 U. Otto zung (z. B. Belastungen) grenzt Diewald sinnvoller- weise die „Vermittlung eines Zugehörigkeits- bewusstseins“ von der „Erwartbarkeit von Hilfe (Rückhalt)“ ab. In letzterer geht es um das Bewusst- sein einer generellen Unterstützungsbereitschaft, mithin des oben thematisierten „perceived social support“, hier als potenziell erwartbar wahrgenom- mener Unterstützung. Aber diese muss nicht notwendig damit gegeben sein, dass man sich einer Gruppe oder einem Netz- werk zugehörig fühlt. Zugehörigkeit ist demgegen- über schon dadurch gegeben, dass man in eine Ge- meinschaft bzw. ein Netzwerk gegenseitiger Verpflichtungen und Kommunikation eingebun- den ist. Diese Unterkategorie der Spalte „Vermitt- lung von Kognitionen“ hat Schnittmengen mit Antonovsky’s „sense of coherence“ oder Pearlin’s „sense of belongingness“. „Die Wahrnehmung einer solchen Zugehörigkeit kann über gemeinsame Angelegenheiten und Betroffenheiten, gegenseitige Verpflichtungen oder auch über wahr- genommene soziale Ähnlichkeiten (Einstellungen, Le- benshaltungen und Lebensstile) erfolgen“ (Diewald 1991, 74), ebenso aber auch durch Verantwortungsübernahme etwa für Caring-Tätigkeiten und das dadurch er- wirkte Sinn- und Relevanzgefühl. Diewalds Typologie enthält schließlich einige pri- mär emotional definierte Unterstützungskom- ponenten. Die erste richtet sich auf das Empfinden von Stabilität, des Aufgehobenseins und Nicht- handeln-Müssens. Anders als in der sehr viel ver- breiteteren Zusammenfassung als „emotionale Unterstützung“ wird neben den o. g. Kognitionen „Zugehörigkeitsbewusstsein“ und „Erwartbarkeit von Hilfe“ (zweite Spalte) hier die „Vermittlung eines Geborgenheitsgefühls“ in der dritten Spalte separat benannt. Schließlich kann es sein, dass die- ses Gefühl durch die beiden anderen Erfahrungen nicht vermittelt wird. Dies kann etwa dort be- obachtet werden, wo Hilfe an ganz bestimmte Be- dingungen geknüpft wird. Zentrale emotional de- finierte Unterstützungskomponenten sind sodann die „Vermittlung von Liebe und Zuneigung“ sowie die „motivationale Unterstützung“. Wird versucht, übergreifend die wesentlichen Di- mensionen der o. g. unterschiedlichen Perspektiven auf soziale Unterstützung – Ressourcen, kogniti- onsbezogenem Informationsaspekt, unterstützen- dem Verhalten und Bedürfnisbefriedigung – zu benennen, ergibt sich die außerordentliche Mehr- dimensionalität des Konstruktes. Sie weist auf viel- fältige Erkenntnismöglichkeiten hin, ebenso aber auf die Notwendigkeit, die Ebenen in sauberer theoretischer und empiriebezogener Arbeit diffe- renziert auseinanderzuhalten. Diesbezüglich ist die folgende Matrix von Laireiter instruktiv. Gehen wir von hier einen Schritt weiter, geht es um die Frage nach Funktionen. Auf der Basis von Un- terstützungsressourcen, -verhalten und -wahrneh- mung entfalten sich die zentralen Funktionen sozia- lerUnterstützung, die sowohl in direkten („Haupt“-) wie indirekten („Puffer“-)Effekten gesehen werden. In vielen theoretischen wie empirischen Arbeiten wird allerdings nicht ausreichend verdeutlicht, in- wiefern eine funktionale Analyse oder eine Unter- suchung von Wirkungen erfolgt. Die Rekonstruk- tion der – angesichts der Vieldimensionalität des Netzwerk- und Unterstützungskonstrukts – kom- plexen Wirkungsentstehung birgt allerdings – bis heute – große Schwierigkeiten. Sekundärreviews jedenfalls zeigen, dass Netzwerkmaße, Verhaltens- maße, und Wahrnehmungs- / Interpretationsmaße nur schwach korrelieren und die Erklärung ihrer Zusammenhänge anspruchsvoller Theorien bedarf, von denen bis heute bestenfalls Teile vorliegen. Die Wirkung informeller Hilfen hängt von einer Vielzahl von Bedingungen ab – zu den weiter oben schon genannten Kontextvariablen sind hier ins- besondere kasuistische Spezifika unter Einschluss der Eigenschaften eines Stressors mit einzubeziehen (z. B. Cutrona / Russel 1990; Röhrle 1994, 5). Dazu gehört auch, die Wirksamkeit sozialer Unter- stützung im Belastungs-Stress-Bewältigungspro- zess – egal ob direkt oder als Puffer – mit Bezug auf den zeit- bzw. lebenslaufbezogenen Phasenbezug zu differenzieren. Bis hier wurde gezeigt, wie beträchtlich mit Bezug auf soziale Netzwerke und soziale Unterstützung die Komplexität ist, zu einem Teil auch: wie be- trächtlich die empirischen, begrifflichen und kon- zeptionell-theoretischen Unklarheiten sind. Den- noch versprechen sie wesentliche theoretische, empirische und anwendungsorientiert-konzeptio- nelle Aufschlüsse für zentrale Fragen Sozialer Arbeit. Sowohl der starke Rekurs auf Netzmodelle in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit – ob mit Älteren, Kindern und Jugendlichen oder ande-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=