Handbuch 5. Auflage

Soziale Probleme 1501 institutionelle Zuständigkeiten und für die Betroffe- nen und ist Gegenstand von Deutungskonflikten, ob öffentliche und politische Diskurse über Arbeits- losigkeit durch Interpretationen geprägt werden, in denen Arbeitslosen selbstverschuldete individuelle Defizite an Motivation und Kompetenzen zu- geschrieben werden, sie als Opfer verfehlter Wirt- schafts- und Sozialpolitik oder als Verlierer im kapitalistischen Modernisierungs- und Globali- sierungsprozess angesehen werden. Soziale Pro- bleme existieren also jeweils in spezifischen For- men öffentlicher und politischer Diskurse der Problematisierung, über die in sozialen und poli- tischen Konflikten gestritten wird. Damit ist auch impliziert, dass soziale Probleme erfolgreich ent- problematisiert werden können, entweder in der Form, dass über kollektive Aktivitäten vorher als gravierende soziale Probleme und abweichendes Verhalten angesehene Verhaltensweisen zu einem allgemein tolerierten Bestandteil von Lebensstilen werden (z.B. Homosexualität) oder indem über Me- chanismen politischer und kultureller Unterdrü- ckung von Artikulations-, Problematisierungs- und Protestpotenzialen kulturell und sozial marginali- sierte Gruppen (z.B. über die Individualisierung und Privatisierung von Konflikten) an der Proble- matisierung ihrer Lebensbedingungen gehindert werden. Soziale Probleme sind die Grundlage oder das Material für sozialpolitische Interventionen, für Kriminal- und Gesundheitspolitik ebenso wie auch für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Wer allerdings in diesen und ähnlichen Politikberei- chen arbeitet, ist nur selten mit der Frage kon- frontiert, was soziale Probleme sind. Im Verständ- nis von Praktiker und Praktikerinnen und auch in der Öffentlichkeit und im Bereich der Politik in- teressiert meistens nicht, warum und in welcher Weise soziale Probleme problematisch sind bzw. geworden sind. Vielmehr interessiert dort, wer von sozialen Problemen betroffen ist, welches ihre Ursachen sind und was dagegen getan werden kann. Das Problematische an sozialen Problemen gilt in der Regel als selbstverständlich, und für jedes dieser Probleme sind ebenso selbstverständ- lich bestimmte Institutionen und Professionen zuständig und entsprechende Interventionsfor- men angezeigt. Soziale Probleme werden in dieser Perspektive unhinterfragt als zu bearbeitender gesellschaftlicher oder individueller Schaden, als Risiko oder als Störungen der Ordnung wahr- genommen, deren problematischer Charakter als unmittelbar evident und selbstverständlich ange- sehen wird. Durchbrochen wird dieser Konsens nur, wenn unterschiedliche Institutionen, Orga- nisationen oder Professionen um die „richtige“ Problemlösung und die damit verbundenen Res- sourcen streiten, wenn Betroffene gegen die Art ihrer Behandlung protestieren und damit eine ganz andere Perspektive oder Definition eines so- zialen Problems thematisieren oder wenn bishe- rige Bearbeitungsformen und Institutionen – und damit die ihnen zugrunde liegende Problemkon- struktion – sich als offensichtlich wirkungslos in- terpretieren lassen. Soziale Probleme in der soziologischen Diskussion Die Thematisierung sozialer Probleme stellt von Beginn an eine zentrale Fragestellung innerhalb der Soziologie dar. Es ist durchaus gerechtfertigt, die Entstehung der Soziologie als eigenständige wis- senschaftliche Perspektive und Disziplin aus der Thematisierung sozialer Probleme als „soziale Frage“ zu erklären. Entstanden aus der Philosophie der Aufklärung und des Positivismus wird die So- ziologie in ihren Anfängen im 19. Jahrhundert häufig als „Krisenwissenschaft“ charakterisiert, de- ren genuines Themenspektrum in den Schatten- seiten gesellschaftlichen Wandels gesehen wird. Mit der industriellen Revolution waren gesell- schaftliche Modernisierungsprozesse verbunden, deren negative Auswirkungen auf die Lebenspraxis nach neuen Deutungen und vor allem nach Lösun- gen verlangten. Soziale Probleme waren im Kon- text gesellschaftstheoretischer Perspektiven nicht nur deutliche Indikatoren für gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Krisen, sondern offenbar- ten für die Soziologie auch die zentralen Funk- tionsprinzipien gesellschaftlicher Beziehungen und Strukturen. Vor dem Hintergrund der Aufklä- rungsbewegung und der politischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden Armut, Kinderarbeit, Kriminalität, Alkoholkon- sum, Krankheit und psychischen Störungen in den unteren sozialen Klassen – zusammengefasst als „soziale Frage“ – zum zentralen Bezugspunkt der Entwicklung sozialwissenschaftlicher Disziplinen

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