Handbuch 5. Auflage

1502 Groenemeyer  (Castel 2000; Pankoke 1970). Eine Zusammenfas- sung verschiedener Problemlagen unter dem Kon- zept der „sozialen Frage“ war insofern gerechtfer- tigt, als die industriell kapitalistische Entwicklung oder allgemeiner, der rapide soziale Wandel, als einheitliche Ursache der als problematisch auf- gefassten Entwicklungen angesehen werden konnte. Wesentlich ist dabei, dass die „soziale Frage“ im Kontext gesellschaftstheoretischer Ana- lysen und Entwürfe analysiert wurde und einzelne „soziale Probleme“ nicht isoliert von gesamtgesell- schaftlichen Entwicklungen thematisiert wurden. In diesem Sinne wurde die „soziale Frage“ über- wiegend im Singular behandelt. Diese Vorstellung fand in den USA kaum Resonanz, dort wurden soziale Probleme bereits zur Wende zum 20. Jahr- hundert eher als isoliert zu betrachtende unter- schiedliche „social problems“ eher mikrosoziolo- gisch in ihren direkten sozialenKontexten analysiert (Best 2006; 2008; Groenemeyer 1999a). Die „soziale Frage“ stellte immer eine Herausforde- rung an die Politik dar und war Bestandteil eines auf Gesellschaftsreform zielenden Projekts. Die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates schien auch der Soziologie als Garant für die Herstellung gesell- schaftlicher Integration, und mit dessen Entwick- lung verlor auch die „soziale Frage“ insbesondere in der Nachkriegssoziologie ihre konzeptionelle Son- derstellung für die Gesellschaftsanalyse. Sozialen Problemen wurde fortan häufig eher die Rolle pa- thologischer Ausnahmeerscheinungen zugedacht, deren Thematisierung und Analyse allenfalls im Rahmen der angewandten Soziologie bzw. als Thema politik- und praxisorientierter Analysen gerechtfertigt schien. Die Übernahme des Konzepts „Soziales Problem“ und seine Verbreitung in den 1970er Jahren kor- respondiert mit veränderten gesellschaftlichen und mit professionspolitischen Bedingungen. Schien in der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg die „soziale Frage“ mit dem Ausbau des wohlfahrts- staatlichen Leistungssystems zunächst als gelöst oder zumindest im Laufe der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung als lösbar, so mach- ten die neuen sozialen Bewegungen in den 1960er Jahren auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen auf- merksam. In deren Folge wurden gesellschaftliche Minderheiten „entdeckt“, deren Situation und Le- benslage der Sozialstaatsrhetorik von Chancen- gleichheit und Gerechtigkeit deutlich widersprach. „Gastarbeiter“, entlassene Strafgefangene, Obdach- lose und Insassen der Psychiatrie wurden als „Rand- gruppen“ der Gesellschaft analysiert und deren Lebensverhältnisse auch über die Massenmedien skandalisiert (Kögler 1976). So hatte für moderne hochdifferenzierte Gesellschaften mit einem aus- gebauten System sozialer Sicherung eine Bestim- mung dieser sozialen Probleme auf der Grundlage einer allein durch die kapitalistisch-industriellen Produktion verursachten „sozialen Frage“, von der alle Probleme abgeleitet werden können, nicht mehr die gleiche Überzeugungskraft. Auch wenn nach wie vor gesellschaftstheoretische Perspektiven an die Tradition der „sozialen Frage“ anknüpften, so entwickelte sich mit dem Symbolischen Inter- aktionismus und der Thematisierung von Soziali- sations- und Karriereprozessen handlungstheoreti- sche Alternativen der Analyse sozialer Probleme, die – analog zur US-amerikanischen Tradi- tion – jenseits großer Entwürfe einer gesellschaftli- chen Reform am Individuum und dessen sozialen Kontext ansetzen und somit eine größere Praxis- nähe für sozialpolitische Institutionen versprachen. Die Verbreitung des Konzepts „Soziale Probleme“ in die deutschsprachige Soziologie korrespondierte einerseits mit veränderten gesellschaftlichen Ver- hältnissen eines ausgebauten Wohlfahrtsstaates, andererseits aber auch mit kulturellen Veränderun- gen und Entwicklungen von Ansprüchen, die nicht mehr überzeugend als „soziale Frage“ thematisier- bar waren. Die „neuen sozialen Bewegungen“ der 1960er und 1970er Jahre formulierten Problem- bereiche, die nicht mehr automatisch auf den Be- reich privatwirtschaftlich kapitalistischer Produk- tion zurückgeführt werden konnten, sondern entweder eher den Bereich der Kultur im weiteren Sinne betrafen oder zumindest von ihrer sozialen Trägerschaft eher der gebildeten Mittelschicht zu- zuordnen waren. Die Entwicklungen korrespondierten zudem mit einem Ausbau personenbezogener sozialer Dienste und den Bemühungen innerhalb der Sozialen Ar- beit um eine wissenschaftliche Fundierung und Professionalisierung (Rauschenbach 1999). Soziale Dienste, besonders wenn sie (sozial)pädagogisch orientiert sind, basieren auf einem Problemver- ständnis, dass kaum im Rahmen der „sozialen Frage“ thematisierbar war. Es geht nicht mehr um die Beeinflussung der Ressourcenausstattung einer Lebenslage, sondern um die Intervention in einen

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