Handbuch 5. Auflage
Soziale Probleme 1503 sozialen Zusammenhang, der eher durch individu- elle Orientierungen und Motivationen sowie durch interaktive Gruppenprozesse geprägt ist. In diesem Kontext versprach das Konzept soziale Probleme mit seiner Ausrichtung auf einzelne, isoliert zu be- trachtende Probleme eher eine wissenschaftliche Fundierung sozialpädagogischen Wissens und Handelns und fand so bereits in den 1960er Jahren bereitwillige Aufnahme in einschlägige Texte (Sid- ler 1999). Vor diesem Hintergrund fand das Kon- zept seit den 1970er Jahren eine weite Verbreitung, findet Eingang in einschlägige Lexika und Hand- bücher (Albrecht /Groenemeyer 2011; Albrecht et al. 1999; Bellebaum/ Braun 1974; Stallberg / Sprin- ger 1983) und seinen organisatorischen Nieder- schlag in der Gründung der Sektion „Soziale Pro- bleme und soziale Kontrolle“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 1976 und der Zeit- schrift „Soziale Probleme“ seit 1989. Dabei ging es in den Diskussionen nicht nur um die Analyse und Entwicklung von Handlungskonzepten oder Poli- tikberatung im Sinne einer angewandten Soziolo- gie, sondern besondere Aufmerksamkeit wurde von Anfang an der grundlagentheoretischen Konzep- tualisierung sozialer Probleme gewidmet (als Über- blicke: Albrecht 1977, 1990; Best 2008; Groene- meyer 1999a; 2003; 2010; Loseke 2003; Schetsche 1996; 2008). Fragestellungen einer Soziologie sozialer Probleme Bei der Kategorie „Soziale Probleme“ handelt es sich um einen Alltagsbegriff, in dem scheinbar völ- lig unterschiedliche Dinge zusammengefasst wer- den, und es muss zunächst einmal gefragt werden, wodurch es denn gerechtfertigt sein soll und wel- chen Vorteil es bringt, so unterschiedliche Bedin- gungen und Verhaltensweisen wie Kriminalität, Armut, Alkoholismus oder sexuellen Missbrauch mit einem Begriff zu bezeichnen. Die hierzu entwickelten theoretischen Perspektiven lassen sich in zwei Strömungen zusammenfassen. Erstens werden – analog zum Konzept der sozialen Frage – soziale Probleme auf einheitliche Ursachen zurückgeführt. In den Lehr- und Handbüchern zu sozialen Problemen wird diese Perspektive häufig auch als „objektivistischer Ansatz“ diskutiert (Al- brecht 1977, 1990; Groenemeyer 1999a, Schetsche 1996). Soziale Probleme wären demnach diejeni- gen gesellschaftlichen Tatbestände, Bedingungen oder Praxen, die Leiden und Störungen verursa- chen und deshalb über politische Maßnahmen ver- ändert werden sollen. Das Gemeinsame zwischen den verschiedenen sozialen Problemen liegt darin, dass es dabei um unerwünschte, elende, Ekel, Lei- den, Scheußlichkeiten, Störungen und Kummer verursachende Dinge geht, die auf Störungen der gesellschaftlichen Entwicklung und sozialen Ord- nung zurückgeführt werden können und im Prin- zip verhindert werden sollen. Diese Perspektive wird häufig mit der klassischen Definition von Merton (1971) in Verbindung gebracht. Er de- finiert soziale Probleme als „wesentliche Diskre- panz zwischen sozial akzeptierten Standards und tatsächlich vorherrschenden Bedingungen“. Soziale Probleme sind demnach gesellschaftliche Störun- gen, die auch unabhängig von der öffentlichen Thematisierung durch die Soziologie diagnostiziert werden können; in diesem Sinne handelt es sich hier um eine wissenschaftlich analysier- und mess- bare Schadenskategorie. Diese Perspektive findet sich überwiegend in Spezialdisziplinen, die mit einzelnen sozialen Problemen verbunden sind: So gibt es z. B. entwickelte Armutsforschungen, die eng an die Sozialpolitikforschung angelehnt sind, kriminologische (oder kriminalsoziologische) For- schungen zur Kriminalität und zur Kriminalpoli- tik, Forschungen zu psychischen Störungen und zur Psychiatrie, die weitgehend in medizinischen und psychiatrisch orientierten Einrichtungen be- trieben werden sowie Forschungen zur Sozialen Arbeit, die überwiegend im Bereich der Sozial pädagogik verhandelt werden. Hier geht es um Fragen nach der Verbreitung und den Ursachen sozialer Probleme sowie nach speziellen Betroffe- nengruppen und ihren Orientierungen, Motivatio- nen und Kompetenzen, ganz entscheidend ist aber die Nähe dieser Perspektive zu Fragen der Politik, Kontrolle und Bearbeitung der sozialen Probleme, insofern Interventionen und ihre Bedeutung für die Problementwicklung zu den zentralen Zielen dieser Forschungsperspektive zählen. Grundlegen- der Ausgangspunkt dieser Perspektive ist, dass so- ziale Probleme hinreichend definiert sind und ihr problematischer Charakter, der gesellschaftliche und individuelle Schaden, als evident angesehen werden kann. Wenn also z. B. Deutungsmuster von und Erfahrungen mit Gewalt untersucht werden
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=