Handbuch 5. Auflage
1504 Groenemeyer sollen, so muss davon ausgegangen werden, dass klar ist, was Gewalt genau ist, was das Problemati- sche daran ist und dass die untersuchten Akteure hiervon ebenfalls eine zumindest ähnliche Vorstel- lung haben. Genauso müssen Untersuchungen über Entwicklungen der Kriminalität über die Zeit sicherstellen, dass tatsächlich immer das Gleiche oder zumindest etwas hinreichend Ähnliches da- runter verstanden worden ist. Genau diese Möglichkeit wird von der zweiten Per- spektive bestritten. Soziale Probleme werden nur als Interpretationen, Deutungsmuster oder gesell- schaftliche Diskurse relevant, d. h. ihr problemati- scher Charakter muss immer wieder über kollekti- ves Handeln auf der Grundlage dieser jeweils spezifischen Deutungen hergestellt werden. Dies spiegelt sich wieder in den Definitionen sozialer Probleme, die häufig mit einem „konstruktivisti- schen Programm“ assoziiert werden. So definieren Spector /Kitsuse (1973; 1977): „Als soziale Pro- bleme bezeichnen wir die Aktivitäten von Grup- pen, die – ausgehend von unterstellten Bedingun- gen – Unzufriedenheit artikulieren und Ansprüche geltend machen.“ Noch pointierter und in tautolo- gischer Form bringt Schetsche (1996) die Bedeu- tung von Interpretationen auf den Punkt: Ein so- ziales Problem ist „alles, was von kollektiven Akteuren, der Öffentlichkeit oder demWohlfahrts- staat als solches angesehen und bezeichnet wird“. Im Unterschied zur ersten Perspektive stehen hier nicht Fragen nach den Ursachen, der Verbreitung und Bearbeitung sozialer Probleme im Vorder- grund, sondern Fragen nach den Bedingungen und Prozessen, durch die bestimmte Bedingungen zu „Public Issues“ werden. Es geht also um die Pro- zesse und Aktivitäten, über die bestimmte Sachver- halten öffentlich thematisiert und in einer be- stimmten Weise problematisiert werden. Soziale Probleme als Schaden oder Störung der Gesellschaft Eine frühe Variante der Beschreibung sozialer Pro- bleme als Störung lässt sich als Ansatz der Sozial- pathologie beschreiben. Diese auch heute noch im Alltagsleben am meisten verbreitete Vorstellung sozialer Probleme basiert auf der Idee, dass soziale Probleme pathologische Zustände der Gesellschaft anzeigen oder durch pathologische bzw. schlecht sozialisierte Individuen verursacht werden. Diese Vorstellung hat ihre Wurzel in der Entwicklung der Sozialwissenschaften im ausgehenden 19. Jahr- hundert. Inspiriert durch Erfolge bei der Behand- lung von Krankheiten durch Hygiene und Medizin lag die Organismusanalogie auch für soziologische Analysen von Gesellschaften nahe. Soziale Pro- bleme sind demnach Abweichungen von einem normalen, „gesunden“ Funktionieren der Gesell- schaft, die in Analogie zur damaligen Auffassung in der Biologie und der Medizin als harmonisches Zusammenwirken und Funktionieren von Teilsys- temen angesehen wurde. Gesellschaftliche Zu- stände können demnach eindeutig als „gesund“ oder „pathologisch“ bestimmt werden (Groene- meyer 1999a). Auch wenn die Menschen in Grup- pen leben und Gruppen angehören, so bestimmt letztlich das Individuum mit seinen persönlichen Motiven und Merkmalen die Entwicklung. Die Grundlage für soziale Probleme und soziale Patho- logien sind im Kontext der dieser Perspektive indi- viduelle Krisen, Fehlanpassungen, Demoralisierung oder Desorganisation. Zentrales Merkmal der Sozi- alpathologieperspektive ist die Bestimmung sozia- ler Probleme anhand moralischer und normativer Kriterien, von denen angenommen wird, dass sie jeder vernünftige Mensch nachvollziehen und an- erkennen können müsste. Das Problematische an sozialen Problemen wird dabei nicht zum Thema gemacht, sondern als selbstverständlich gegeben vorausgesetzt. Das zentrale Argument gegen eine an Konzepten von Gesundheit und Krankheit ausgerichtete Per- spektive ergibt sich aus der Veränderbarkeit, der Entwicklung und der Konflikthaftigkeit von Wer- ten innerhalb einer differenzierten Gesellschaft. Viele soziale Bedingungen, die „Gesundheit“ in einem Bereich der Gesellschaft markieren, haben eine „Pathologie“ in anderen Bereichen zur Voraus- setzung bzw. zur Folge. Es gibt in diesem Sinne keine sozialen Probleme der Gesellschaft, sondern nur innerhalb von Gesellschaften. Ein Großteil der soziologischen Beschäftigung mit einzelnen, als soziale Probleme bezeichneten Be- dingungen, z. B. in der Medizinsoziologie, Devi- anzsoziologie, Kriminologie oder Sozialpolitikfor- schung, lassen sich als in diesem Sinne normative Position kennzeichnen, in der der problematische Charakter ihrer Forschungsgegenstände als evident bzw. auf der Grundlage gegebener administrativer
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