Handbuch 5. Auflage

Soziale Probleme 1505 Problemzuschreibungen vorausgesetzt wird. Diese Position korrespondiert am ehesten auch mit Vor- stellungen einer anwendungsorientierten Perspek- tive, die das Problematische an sozialen Probleme unhinterfragt zum Ausgangspunkt nimmt, um Maßnahmen und Intervention sozialer Kontrolle zu entwickeln und zu bewerten. Eine ähnliche Kritik betrifft auch den Ansatz der sozialen Desorganisation , der mit den Arbeiten der Chicagoer Schule verknüpft ist und dort insbeson- dere zur Erklärung abweichenden Verhaltens ent- wickelt wurde. Soziale Probleme sind demnach Indikatoren oder Ergebnis eines Versagens von Re- geln und sozialer Kontrolle infolge von Prozessen zu raschen sozialen Wandels. Hieraus entsteht ei- nerseits personale Desorganisation, die sich als in- dividuelle Verhaltensunsicherheit, Überlastung und Fehlanpassung manifestiert und andererseits eine soziale Desorganisation, bei der die Abstim- mung der Regeln nicht mehr gewährleistet ist. Zu- mindest implizit liegt dieser Ansatz vielen sozialpäd­ agogischen Thematisierungsformen zugrunde, da hier das Individuum in seinem sozialen Nahraum und seinen Entwicklungsbedingungen im Vorder- grund steht. Von der zugrundeliegenden Argumentationsfigur her ist diese Perspektive dem Anomiekonzept von Durkheim (1893 / 1988) verwandt, auch wenn dort nicht nur der Pathologiebegriff verwendet wird, sondern sich über die dort verwendete Orga- nismusanalogie auch eine Einordnung in den An- satz der Sozialpathologie rechtfertigen ließe. Hier stehen anomische Folgen der Arbeitsteilung im Modernisierungsprozess zur Erklärung gesell- schaftlicher „Pathologien“ im Vordergrund, die sich in sozialen Problemen wie Depression, Armut, Suizid oder Kriminalität ausdrücken. Anomie als soziale Desintegration wird hier als Zusammen- bruch sozialer Normen oder als Verlust handlungs- leitender Prinzipien und Kontrollen infolge der zu raschen Entwicklung der Arbeitsteilung und der Wirtschaft beschrieben. Wenn allerdings soziale Desorganisation oder Anomie zur Erklärung ab- weichenden Verhaltens herangezogen werden soll, so ist zu berücksichtigen, das sich abweichendes Verhalten an festgelegten Werten und Normen misst, während soziale Desorganisation gerade das Fehlen dieser verbindlichen Handlungsregeln the- matisiert. Zudem ist abweichendes Verhalten häu- fig gerade nicht durch Desorganisation gekenn- zeichnet, sondernweist einenGradderOrganisation auf, die z.T. deutlich straffer und in der Verhaltens- kontrolle effektiver ist als in anderen als konform angesehenen Bereichen. Es lässt sich auch kaum unterscheiden, wodurch soziale Desorganisation letztlich bestimmt sein soll und wo die Grenze zwischen „normalem“ und desorganisierendem so- zialen Wandel liegt bzw. unter welchen Bedingun- gen soziale Desorganisation gar notwendigen so- zialen Wandel einleiten kann. In der Perspektive der sozialen Desorganisation der Chicagoer Schule war die Bestimmung des problematischen Cha- rakters kein Thema, weil implizit von einem ein- heitlichen Wertsystem zur Bestimmung von Ord- nung ausgegangenwurde.Dies speiste sich allerdings aus den gleichen rückwärtsgewandten Ideologien, die bereits in Bezug auf die Sozialpathologie kriti- siert wurden (Mills 1943). Letztlich fehlte auch den Arbeiten zur sozialen Desorganisation der Chica- goer Schule ein konsistenter theoretischer und ana- lytischer Unterbau, um tatsächlich die Organisation einer Gesellschaft als soziales System und damit auch die Bedingungen sozialer Desorganisation als soziales Problem bestimmen zu können. Der Anspruch, diesen gesellschaftstheoretischen Unterbau einer Soziologie sozialer Probleme zu entwickeln, entstand mit dem Strukturfunktionalis- mus , dem die zitierte Definition von Merton (1971) zuzurechnen ist. Soziale Probleme werden hier als Funktionsstörungen der Gesellschaft bzw. als Probleme sozialer Desintegration analysiert. In funktionalistischer Perspektive wird von der Grundannahme ausgegangen, dass die Gesellschaft aus verschiedenen miteinander interagierenden Strukturen oder Teilsystemen besteht, die jeweils unterschiedliche Beiträge für den Bestand und die Arbeitsweise des gesellschaftlichen Systems erfül- len. Spezifische kulturelle Orientierungen oder Handlungsmuster werden im Hinblick auf ihre Funktionen bzw. objektiven Konsequenzen für die Herstellung oder Wiederherstellung des System- gleichgewichts betrachtet. Die Bestandserhaltung des Gesamtsystems wird hierbei als vermeintlich neutrale, d. h. von Wertsetzungen unabhängige, Bezugsgröße der Analyse sozialer Systeme an- genommen. Von zentraler Bedeutung hierfür ist die Erfüllung theoretisch bestimmter „funktionaler Erfordernisse“. Für die Analyse sozialer Probleme sind in dieser Per- spektive zwei Aspekte von besonderer Bedeutung:

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