Handbuch 5. Auflage
1506 Groenemeyer Erstens können soziale Probleme sowohl positive wie auch negative Funktionen erfüllen und für ver- schiedene Gruppen oder Teilsysteme in der Gesell- schaft jeweils unterschiedliche Konsequenzen haben. Zweitens besteht der Anspruch, soziale Probleme ohne Rückgriff auf Wertentscheidungen aus der je- weiligen Organisation der Gesellschaft als Muster, die dysfunktional sind, bestimmen zu können und einer technischen Lösung zuzuführen. Eine der- artige Diagnose impliziert einerseits die Vorstellung, soziale Probleme wären tatsächlich dazu da, gelöst zu werden, und andererseits, dass sie auch tatsäch- lich bewältigt werden können. Dieses muss aller- dings keinesfalls erwartet werden, und es sprechen gute Gründe dafür, dass diese Vorstellung sogar gänzlich falsch ist. Offenbar überleben Staaten und Gesellschaften nämlich auch, wenn sie die gravie- rendsten sozialen Probleme ungelöst lassen. Neben diesem eher empirischen Argument, gibt es aber auch einige theoretische Argumente dafür, dass Ge- sellschaften ohne soziale Probleme nicht denkbar sind. Am bekanntesten hierfür ist die funktionale Argumentation von Durkheim (1895/1984) hin- sichtlich der Kriminalität geworden. Demnach er- füllen das abweichende Verhalten und die darauf folgenden gesellschaftlichen Reaktionen unverzicht- bare Funktionen für den Bestand und das Funktio- nieren jeder Gesellschaft. So können über abwei- chendesVerhalten,bzw.überdiedarananknüpfenden Reaktionen sozialer Kontrolle, Grenzen des Erlaub- ten markiert und symbolisiert, die Solidarität inner- halb der Gruppe über die Konstruktion eines ge- meinsamen Feindes gestärkt oder auch Spannungen abgebaut werden. Abweichendes Verhalten kann zudem notwendige Systemanpassungen einleiten und die Flexibilität in der Umweltanpassung sichern. Die Frage nach den im Einzelnen erfüllten manifes- ten und latenten Funktionen sozialer Probleme und ihren Mechanismen ist eine durchaus bedeutsame soziologische Fragestellung, die sehr viel über das Funktionieren moderner Gesellschaften erhellt. Klassische Beispiele für eine funktionale Analyse sind die historische Studie über die Puritaner von Erikson (1966) und die Untersuchung zu Funktio- nen von Armut von Gans (1992). Soziale Probleme entstehen offenbar nicht immer aus besonderen und fehlerhaften Bedingungen und Entwicklungen des Gesellschaftssystems, viel öfter scheint es tatsächlich so zu sein, dass gerade das reibungslose Funktionieren des Systems die Ursa- che für soziale Probleme ist. So ist z. B. soziale Un- gleichheit funktional im Hinblick auf die Stabili- sierung von Leistungsbereitschaft, erzeugt aber immer auch automatisch relative Deprivation, die als soziales Problem thematisiert werden kann. Letztlich handelt es sich bei der Analyse und Lö- sung sozialer Probleme nicht um ein (sozial)tech- nisches Problem, sondern die Orientierung am reibungslosen Funktionieren eines Systems be- inhaltet zumindest eine Wertentscheidung für den Status quo. Damit verbunden ist das Problem der empirischen Identifikation einer „wesentlichen Diskrepanz zwi- schen sozial akzeptierten Standards und tatsächlich vorherrschenden Bedingungen“, für die die Sozio- logie das nötige Wissen mitbringen soll. So läge z. B. soziologisch kein soziales Problem vor, wenn die Erwartungen bzw. die Werte der öffentlichen Meinung hinsichtlich einer rassistischen Diskrimi- nierung mit der rassistischen Wirklichkeit überein- stimmen. Es besteht somit keine Möglichkeit zu bestimmen, ob oder inwieweit mit den Standards, Werten oder Erwartung nicht Ideologien oder Ide- alvorstellungen zum Maßstab für soziale Problem erhoben werden (Albrecht 1977). In den Ansätzen zur Bestimmung sozialer Pro- bleme als gesellschaftliche Schadenskategorie oder Störung werden Veränderungen in der Erscheinung oder im Auftreten sozialer Probleme erklärt aus veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Diese führen dann einerseits zu Reaktionen und Bewälti- gungsversuchen bei den Individuen und können sich als abweichendes Verhalten ausdrücken. Ande- rerseits führt der soziale Wandel aber auch zu „Fehlanpassungen“ oder „Fehlabstimmungen“ zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen und erzeugt so soziale Desintegration, die als Folgekos- ten der Modernisierung bestimmte Gruppen in- nerhalb der Gesellschaft mehr trifft als andere. Ein Beispiel hierfür ist ebenfalls die Anomietheorie, wie sie in einer Neufassung von Bohle et al. (1997) zur Erklärung fremdenfeindlicher Gewalt formu- liert worden ist. Verwandt hierzu ist auch der Ver- such, in einer Verbindung aus systemtheoretischer und kritischer Perspektive Soziale Arbeit als Insti- tution der Exklusionsvermeidung und -vermitt- lung zu interpretieren (Bommes / Scherr 2000). Die meisten Definitionen sozialer Probleme gehen heutzutage davon aus, dass soziale Bedingungen, Strukturen und Situationen allein noch keine
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