Handbuch 5. Auflage

Soziale Probleme 1507 sozialen Probleme konstituieren. Tatsächlich kann man im historischen Rückblick oder im Vergleich verschiedener Gesellschaften eine Vielzahl von Si- tuationen, gesellschaftlichen Entwicklungen oder Praxen finden, die aus heutiger Sicht oder vom Standpunkt eines externen Beobachters ohne Wei- teres als äußerst problematisch angesehen würden, die aber innerhalb ihres sozialen und historischen Kontextes keine gesellschaftliche Aufmerksamkeit erfahren oder als Selbstverständlichkeit hingenom- men werden, wie z. B. Sklaverei, Ausrottung von Ureinwohnern, Apartheid oder Frauendiskriminie- rung. Tatsächlich sollte zwischen der öffentlichen The- matisierung als „soziales Problem“ und der soziolo- gischen Analyse problematischer gesellschaftlicher Bedingungen und Entwicklungen unterschieden werden. Erst dann kann es zu einer empirisch zu beantwortenden Frage gemacht werden, ob und inwieweit den gesellschaftlichen Konstruktionen „sozialer Probleme“ ein Schaden oder eine Funk- tionsstörung der gesellschaftlichen Ordnung zu- grunde liegt. Nur so kann die Soziologie auch „Scheinprobleme“ identifizieren oder gesellschaft- liche Bedingungen diagnostizieren, die als „latente soziale Probleme“ (noch) nicht in der Gesellschaft definiert oder als relevant erachtet worden sind. Gerade hierin kann das besondere Potenzial und die gesellschaftliche Relevanz einer Soziologie so- zialer Probleme gesehen werden. Soziale Probleme als soziale Konstruktion Hauptaspekt der Bestimmung sozialer Probleme ist die kollektive Definition, darüber besteht heut- zutage weitgehend Einigkeit; in diesem Sinne sind soziale Probleme immer soziale Konstruktionen. Strittig hingegen ist, ob und in welcher Weise diese Definitionen auf konkrete gesellschaftliche Bedin- gungen aufbauen oder ob soziale Probleme un- abhängig davon sozial konstruiert werden. Im ers- ten Fall stehen die Frage nach den Bedingungen der Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung gesellschaftlicher Sachverhalte sowie die Beziehun- gen zwischen individuellem Erleiden und der ge- sellschaftlichen bzw. politischen Thematisierung als „soziales Problem“ im Zentrum einer Soziologie sozialer Probleme. Im zweiten Fall werden soziale Bedingungen als soziale Konstruktionen aufgefasst, denen kein anderer Sinn zukommt als der ihnen von den Gesellschaftsmitgliedern in interaktiven Prozessen zugeschriebene. Es geht dabei also nicht um Bedingungen der Wahrnehmung und Deutung von sozialen Gegebenheiten, sondern diese werden erst in Prozessen kollektiven Verhaltens als Gege- benheiten geschaffen. Hierfür steht der Ansatz von Spector /Kitsuse (1977), in dem soziale Probleme als soziale Konstruktionen über die Aktivitäten von Gruppen, die ausgehend von „vermeintlichen“ Sachverhalten Ansprüche stellen, existieren. Während in beiden Perspektiven die Konstruktion sozialer Probleme als Prozess kollektiven Handelns aufgefasst wird, unterscheiden sie sich grundlegend in der Beurteilung der den Interpretationsprozess leitenden Wertmaßstäbe. In einer radikal konstruk- tivistischen Perspektive sind allein die Maßstäbe, die in den situativen Interpretationen, Interaktio- nen und Handlungen der Gesellschaftsmitglieder zur kollektiven Durchsetzung von Definitionen sozialer Probleme zum Ausdruck gebracht werden, für die Bestimmung ausschlaggebend. In einer kri- tischen Perspektive, die den Konstitutionsprozess im Kontext sozialer Strukturen und Institutionen verankert, wird demgegenüber der Wissenschaft, besonders der Soziologie, eine Korrektivrolle zuge- dacht, die es ermöglichen soll, die Deutungsmuster und Interpretationen der „öffentlichen Meinung“ selbst in ihrem Bedeutungs- und Realitätsgehalt zu hinterfragen. Die Fragestellung einer Soziologie sozialer Pro- bleme wird in diesen Ansätzen als Rekonstruktion der Bedingungen und Prozesse verstanden, mit denen sich Themen im öffentlichen Raum etablie- ren und so zu sozialen Problemen werden. Es geht also um die gesellschaftliche Mobilisierung für be- stimmte Problemdeutungen und die Bedingung für die Entwicklung von Problemdiskursen inner- halb der Gesellschaft. Damit ist die zentrale Kern- frage: Wodurch und in welcher Weise werden be- stimmte gesellschaftliche Phänomene oder Handlungsweisen zu sozialen Problemen „ge- macht“? Der Gegenstand wird als kollektives Ver- halten analysiert, wobei dann Fragen nach der Mobilisierung und Politisierung sozialer Probleme im Vordergrund stehen. So wird insbesondere in Verlaufs- oder Karrieremodellen (Groenemeyer 1999a; 2010) analysiert, welche Interessen und Werte die Problematisierung steuern, in welcher

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