Handbuch 5. Auflage

1508 Groenemeyer  Weise das Phänomen konstruiert und wahrgenom- men wird, wie der Prozess der öffentlichen Thema- tisierung verläuft, welche Diskursstrategien die be- teiligten Akteure anwenden und wie staatliche und politische Institutionen auf die Problemkonstruk- tionen reagieren oder an ihnen teilhaben. Ihren Ausgangspunkt nahm diese Perspektive in der Kritik am Ansatz der sozialen Desorganisation mit der Formulierung des Wertkonfliktansatzes . Demnach erweist sich das, was als soziale Desorga- nisation beschrieben wird, häufig als Ausdruck konfligierender Interpretationen oder als Konflikt zwischen verschiedenen Interessen und Wertvor- stellungen, die als Folge unterschiedlicher Lebens- lagen in pluralistischen Gesellschaften entstehen. Damit wurde nicht nur eine Relativität von Inter- pretationen und Wertmaßstäben postuliert, son- dern auch die Dimensionen von Konflikt um Pro- blemdefinitionen und Definitionsmacht zu zentralen Aspekten der Analyse sozialer Probleme. Werte und Werturteile haben bei Fuller /Myers (1941) für soziale Probleme eine dreifache Bedeu- tung: Erstens sind sie die Grundlage für die Be- wertung bestimmter Sachverhalte, d. h. auf der Grundlage von Werturteilen werden bestimmte Phänomene als unerwünscht und veränderbar de- finiert; zweitens können sie die Ursache für soziale Probleme abgeben, wenn bestimmte Werte ein ab- weichendes Verhalten nahelegen, und drittens sind Werte die Grundlage für Konflikte über die Wahl von Lösungsmöglichkeiten für bereits definierte soziale Probleme. Nicht die Bedingungen eines reibungslosen Funktionierens oder eines Gleichge- wichtszustands sozialer Systeme bilden den Be- zugspunkt der Analyse sozialer Probleme, sondern die Entwicklung kultureller Gruppen in einem Aushandlungsprozess von Wertvorstellungen und Interessen. Die Mobilisierung für ein spezifisches Modell so- zialer Probleme setzt die Notwendigkeit zu seiner Legitimation in Form eines Rückgriffs auf mög- lichst weitgehend geteilte Werte und Weltbilder voraus. So müssen soziale Probleme innerhalb einer Logik formuliert werden, die nicht nur auf mög- lichst weitreichendes Verständnis stößt, sondern deren Zielrichtung und angestrebte Veränderung Unterstützung erfahren kann. Es handelt sich al- lerdings um die spezifischen Modelle und Weltbil- der kollektiver Akteure, die nicht allgemein geteilt werden. So kann es auch als typische Merkmale sozialer Probleme angesehen werden, dass es sich hierbei um Konflikte handelt und dass die für ei- nen kollektiven Akteur oder eine Gruppe optimale Lösung eines sozialen Problems für einen anderen kollektiven Akteur gerade zu einem sozialen Pro- blem wird (z. B. Arbeitsmotivation vs. Arbeitslosig- keit). Eine konflikttheoretische Perspektive liegt auch kritischen Ansätzen zugrunde, wobei insbesondere die Einbettung von Interpretationen in ein System soziale Ungleichheit betont und damit Definitions- macht an die Position innerhalb der Sozialstruktur gebunden wird. Damit wird am deutlichsten der politische Charakter sozialer Probleme herausgear- beitet. Im Unterschied zur Perspektive des Kultur- konflikts, bei der von einer pluralistischen Gesell- schaft ausgegangen wird, die jedem Wertmuster oder jeder Kultur im Prinzip eine Durchsetzung- schance einräumt, gehen kritische Konflikttheorien von einer strukturell bedingten Ungleichheit des Zugangs zu Ressourcen und Macht aus. Dabei spielen unterschiedliche Werte allerdings kaum eine Rolle, sondern soziale Konflikte gehen von konfligierenden oder widersprüchlichen Interessen aus, die sich aus der jeweiligen Position innerhalb einer sozialstrukturell verankerten Interessenstruk- tur ergeben. Im Zentrum der Analyse sozialer Pro- bleme steht hier die Frage nach den Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Bedingungen der ungleichen Verteilungen von Ressourcen und Macht und den mikrosoziologischen Bedingungen der Konstitution von Diskursen und Ideologien über soziale Probleme. Es geht also in kritischen konflikttheoretischen Ansätzen um den Zusam- menhang von Sozialstruktur, Wissen und Herr- schaft (Groenemeyer 1999a). Dieser Aspekt unterscheidet diese Ansätze deutlich von Perspektiven eines radikalen Konstruktivismus , nach denen sich die problematischen Phänomene erst im Prozess der Problematisierung konstituie- ren. Zumindest wird aber der Frage, ob diese Kon- struktionen mit soziologisch identifizierbaren so- zialen Bedingungen korrespondieren, keine Aufmerksamkeit geschenkt. Vielmehr wird die Wissenschaft selbst zu einem kollektiven Akteur der Problematisierung, dem gegenüber anderen Akteuren kein Sonderstatus zugeschrieben werden kann. Eine „richtige“ Definition sozialer Phäno- mene als soziales Problem kann es nicht geben, da das „Erkennen“ eines sozialen Phänomens als

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