Handbuch 5. Auflage

1510 Groenemeyer  übersetzt werden, damit sie zu sozialen Problemen werden können. Nicht jedes „private Problem“ lässt sich in ein „Public Issue“ überführen, z. B. weil institutionalisierte Werthaltungen, Ideologien oder Deutungsmuster eine Interpretation in Kate- gorien des öffentlichen und politischen Diskurses sozialer Probleme erschweren oder gar unmöglich machen. Die öffentliche Thematisierung „sozialer Pro- bleme“ nimmt ihren Ausgangspunkt an der Kon- struktion von Phänomenen, die als Leiden, Stö- rung oder Unbehagen verursachend interpretiert werden oder mit einer moralischen Entrüstung, Empörung oder einem Gefühl von Ungerechtig- keit verbunden werden. Diese Gefühle werden aber nicht durch soziale Probleme hervorgerufen, sondern Situationen werden erst dadurch, dass sie mit diesen Gefühlen verbunden werden, zu sozia- len Problemen. Eine Mobilisierung und Sicherung von Unterstützung für bestimmte Problemanlie- gen erfordert daher häufig eine Aktivierung dieser affektiven Anteile sozialer Probleme über eine Dramatisierung, Moralisierung, Skandalisierung und Produktion von Mythen (Schetsche 1996), die damit eine zentrale Ressource für strategische Nutzungen im Prozess der Durchsetzung von Werthaltungen, Deutungsmuster und Interessen der verschiedenen kollektiven Akteure darstellen. Grundlage dieser Prozesse sind auch hier wiede- rum die in einer Gesellschaft verfügbaren kulturel- len Muster. Werte und Ideologien, Missstände und Ungerechtigkeiten werden nicht an individu- ellen Maßstäben undWertvorstellungen gemessen, sondern im Kontext kultureller Standards verortet, dessen kognitive wie auch affektiven Aspekte sich z. B. für moderne westliche Gesellschaften u. a. über die Monopolisierung von Gewalt und die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates im „Prozess der Zivilisation“ (Elias 1976) herausgebildet ha- ben und immer wieder neu herausbilden. Gerade die moderne Gesellschaft hat im Zuge von Prozessen der Säkularisierung, der Aufklärung und der Rationalisierung die „Gestaltbarkeit von Ge- sellschaft“ (Evers /Nowotny 1987) institutionali- siert und damit die kulturellen Grundlagen für die Konstruktion sozialer Probleme in besonderem Maße geschaffen; in diesem Sinne sind soziale Pro- bleme das Produkt moderner Gesellschaften. Die kulturellen Werthaltungen, die ein aktives Gestal- ten gesellschaftlicher Zustände ermöglichen, sind aber zwischen verschiedenen Gesellschaften und innerhalb einer Gesellschaft zwischen verschiede- nen Gruppen unterschiedlich ausgeprägt. So wei- sen gerade die gesellschaftlichen Gruppen, die am gravierendsten von sozialen Problemen betroffen sind, häufig eher fatalistische Werthaltungen auf, sodass deren Thematisierungs- und Mobilisie- rungspotenziale für soziale Probleme eher als nied- rig anzusehen sind. Soziale Probleme und Politik Die erfolgreiche Etablierung von Werten und Inte- ressen als soziale Probleme ist direkt an die Mecha- nismen und Strukturen der Selektivität des jeweili- gen politischen Systems gebunden. So können sich in z. B. Abhängigkeit von der Art der Thematisie- rung von Sachverhalten jeweils unterschiedliche Durchsetzungschancen daraus ergeben, inwieweit politische Problembearbeitungen etablierte Res- sourcenverteilungen oder die Verteilung neuer Ressourcen betreffen, ob kostenneutrale oder kos- tenintensive Lösungen oder neue Organisationen oder Reorganisationen notwendig werden könnten etc. (Groenemeyer 1999b, 2010). Die verwaltungs- mäßige, bürokratische Organisationsform stellt selbst ein Instrument des Herausfilterns von Inte- ressen und Problemartikulationen dar. Auch hier etabliert sich Macht nicht unbedingt über direkte Entscheidungsbeeinflussung, sondern viel tiefgrei- fender über Nichtbearbeitung, fehlende Zustän- digkeiten oder die Unmöglichkeit der Formulie- rung von Issues in bürokratisch zu verarbeitende Formen. Diese Arten von „Non-Decisions“ sind häufig genauso bedeutsam für die Konstitution bzw. Nicht-Konstitution sozialer Probleme wie die direktere Interessenorganisation. Auf der anderen Seite können Organisationen aus dem politischen System (z. B. Parteien, Verwal- tungseinheiten) selbst soziale Probleme konstituie- ren, z. B. zur Sicherung von Ressourcen und Ein- fluss, sodass für bereits vorhandene Lösungen im politischen System soziale Probleme über die Etab- lierung von Diskursen in der Gesellschaft pro- duziert werden. Soziale Probleme werden keines- wegs immer und ausschließlich innerhalb der Gesellschaft durch Gruppen oder soziale Bewegun- gen konstruiert. In vielen Fällen sind es staatliche und politische Organisationen, die über die Etab-

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=