Handbuch 5. Auflage

Soziale Ungleichheit und Sozialpolitik 1539 Marktprozesse zu regulieren und den Preismecha- nismus zu relativieren. Sozialpolitik in der Markt- gesellschaft umfasst dementsprechend das gesamte Feld politisch gewollter Marktsteuerung: von der Regelsetzung für Arbeitsmärkte (etwa in Form von Arbeitszeitgesetzen oder individuellem Arbeits- und kollektivem Tarifvertragsrecht) über die Kor- rektur der primären, marktbestimmten Einkom- mensverteilung durch sekundäre, politische Einkommensumverteilung (in Gestalt gesetzlicher Mindestlöhne, eines progressiven Steuersystems, verschiedenartigster öffentlicher Transferleistun- gen usw.) bis hin zur Produktion kollektiver und öffentlicher Güter außerhalb des Marktsektors (was wiederum von der Förderung eines über- betrieblichen Berufsausbildungswesens bis zur Organisation eines frei zugänglichen Systems der Gesundheitsversorgung und der sozialen Infra- strukturausstattung – von öffentlichen Bädern bis Familienberatungsstellen – reichen kann). Betrachtet man die lange Reihe an (ausgewählten) sozialpolitischen Aktivitäten, so könnte man ge- neigt sein, wohlfahrtsstaatliches Handeln einseitig als dem sozialen Ausgleich bzw. der effektiven An- gleichung marktbedingt ungleicher Lebenschancen und Lebenslagen verpflichtet zu deuten. Dies hieße jedoch, den Wohlfahrtsstaat als bloßen Widerpart und Antagonisten des Marktes misszuverste- hen – als ein System der staatlich beförderten Gleichheit, das einer Welt der Marktungleichhei- ten entgegengesetzt wird. Staatliche Sozialpolitik ist aber, ungleichheitssoziologisch betrachtet, mehr als das. Denn indem sie die moderne Marktver- gesellschaftung erst sozial praktikabel werden lässt, stabilisiert sie selbstverständlich – jedenfalls im Prinzip – deren auf (möglicherweise systematisch) unterschiedlichen Erwerbschancen beruhenden Modus sozialer Ungleichheitsproduktion. Und in- dem der Wohlfahrtsstaat selbst eigene Mechanis- men der Einbeziehung in seine Schutz- und Leis- tungsprogramme und des Ausschlusses von ihnen entwickelt, indem er Anspruchsvoraussetzungen und Zugangsbedingungen festlegt, die Höhe und Dauer von Leistungsberechtigungen staffelt, die Einhaltung von Gegenleistungsverpflichtungen kontrolliert, kurz: indem er als eigenständige In- stanz der Gestaltung der Arbeits- und Lebens- bedingungen in Marktgesellschaften agiert, wird er auch zu einem Akteur der Strukturierung sozialer Ungleichheit eigenen Rechts (Esping-Andersen 1994). Wie der Markt selbst, so ist auch der Staat der Marktgesellschaft ein Instrument – primärer wie sekundärer – sozialer Ungleichheitsproduktion, oder, in einer berühmt gewordenen Formulierung (Esping-Andersen 1990, 23): „The welfare state is not just a mechanism that intervenes in, and possi- bly corrects, the structure of inequality; it is, in its own right, a system of stratification. It is an active force in the ordering of social relations.“ Die Rolle der Sozialpolitik im gesellschaftlichen Kampf um Anerkennung Der Wohlfahrtsstaat ist also keineswegs nur sozialer Wohltäter, sondern er wirkt entscheidend daran mit, Marktgesellschaften und deren Struktur un- gleicher Soziallagen zu ordnen, gegebenenfalls auch zu stabilisieren. Um die im Zusammenwirken von Markt und Staat produzierte Ordnung sozialer Un- gleichheit – jenseits der Weberschen Bestimmung ungleicher Erwerbschancen – besser zu verstehen, ist es hilfreich, auf Pierre Bourdieus an Webers Analyse anknüpfende Soziologie der modernen Klassengesellschaft Bezug zu nehmen. Für Bourdieu (1985) werden die sozialen Positio- nen in modernen, demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften – die ungleichen Lagen von Men- schen im „sozialen Raum“ – ganz in Webers Sinne durch Konkurrenzkämpfe um die Verfügung über und Verwertung von Ressourcen bestimmt und besetzt. Gegenüber Weber, der diesbezüglich von „Güter(n) oder Leistungsqualifikationen“ (1922, 177) spricht, wie auch gegenüber Marx, dessen „Kapital“-Begriff er adaptiert, bringt Bourdieu al- lerdings ein erweitertes und differenzierteres Res- sourcen-Konzept ins Spiel. Denn ihm zufolge er- gibt sich die soziale Ungleichheitskonstellation der Gegenwartsgesellschaft aus Akkumulations- und Verteilungskämpfen um drei Kapitalsorten: öko- nomisches, soziales und kulturelles Kapital (Bour- dieu 1983). Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu den durch Arbeitslohn, Kapitalrendite oder Vermögenseinkommen angesammelten Geld- besitz einer Person. Soziales Kapital bemisst sich an der Anzahl und Güte sozialer Beziehungen, auf die eine Person zurückgreifen kann. Kulturelles Kapi- tal schließlich ist das Maß an Bildung, das eine Person sich angeeignet hat, in Form von Titeln

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