Handbuch 5. Auflage
1540 Lessenich und Zertifikaten ausweisen kann und in Gestalt von Objekten und Praktiken des (mehr oder weni- ger) „guten Geschmacks“ sichtbar zu machen ver- mag. Die Mitglieder einer Gesellschaft unterschei- den sich dann untereinander in ihrer relativen Kapitalausstattung, wobei Menschen strukturähn- lichen Kapitalbesitzes eine gemeinsame „Klassen- lage“, sprich einen gemeinsamen Ort im Raum sozialer Positionen, einnehmen. Einkommen, Beruf und Bildung sind gewisserma- ßen die „Realabstraktionen“ der drei Kapitalarten, mit denen dann eine statistisch-quantitative Sozial- strukturanalyse kapitalistischer Leistungsgesell- schaften typischerweise arbeitet (Kreckel 2004, 94 ff.). Der qualitativen Dimension und auch dem dynamischen Moment moderner sozialer Un- gleichheit kommt man allerdings erst auf die Spur, wenn man mit Bourdieu (und Weber) davon aus- geht, dass auch die relative Wertigkeit der einzelnen Kapitalsorten bzw. spezifischer Kombinationen derselben Gegenstand permanenter sozialer Aus- einandersetzungen ist und in historisch-konkreten Situationen gesellschaftlich immer wieder neu be- stimmt wird. Diese sozialen Konflikte um die ge- sellschaftlichen Einsatzchancen und Verwertungs- bedingungen von (ökonomischem, sozialem und kulturellem) Kapital beschreibt Bourdieu als sym- bolische Kämpfe um die soziale Geltung bzw. um die erfolgreiche „Geltendmachung“ der eigenen Ressourcenausstattung gegenüber der jeweiligen Ressourcenausstattung anderer, als symbolische bzw. lebensstilvermittelte Abgrenzungs- und Dis- tinktionskämpfe gegenüber anderen Personen und Personengruppen, konkurrierenden sozialen Posi- tionen oder Klassenlagen. Letztlich dreht sich also aus dieser Perspektive der moderne soziale Konflikt um die gesellschaftliche Anerkennung individueller bzw. klassenspezi- fischer Kapitalbudgets und deren relativer Wertig- keit. Diese gesellschaftliche Anerkennung spiegelt sich in dem symbolischen Kapital (als vierter, die anderen drei bündelnder Kapitalsorte) wider, das Inhaber / innen unterschiedlicher – genauer: un- terschiedlich machtvoller – Klassenpositionen im alltäglichen gesellschaftlichen Positionierungs- konflikt gegeneinander in Anschlag zu bringen vermögen. Insoweit sich bspw. die Gegenwartsge sellschaft in ihren Selbstbeschreibungen als „In- formations“- oder „Wissensgesellschaft“ definiert und somit Bildungsinvestitionen bzw. formale Bildungsqualifikationen im gesellschaftlichen Diskurs als Schlüssel sozialen Erfolgs anerkannt sind, nehmen „bildungsarme“ Menschen eine strukturell benachteiligte soziale Lage ein, die in verlässlicher Weise symbolisch dargestellt und re- produziert wird, von der Rede über „bildungs- ferne Schichten“ als „soziale Problemgruppen“ über deren Platzierung in bestimmten Institutio- nen (der Hauptschule als „Restschule“) und in- stitutionalisierten Karrierewegen (typischer und typischerweise niedrig entlohnter Ausbildungs- berufe) bis hin zu ihrer kulturindustriellen Bedie- nung mit klassenspezifischen Konsumangeboten („Unterschichtsfernsehen“). Will man die Strukturmuster sozialer Ungleichheit in modernen Marktgesellschaften verstehen, so gilt es demnach nicht nur die materiale, sondern auch die symbolische Konstruktion sozialer Ungleich- heitsordnungen zu berücksichtigen. Und in bei- derlei Hinsicht, in der materialen wie der sym- bolischen Dimension der Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheitsstrukturen, spielt der moderne Staat bzw. wohlfahrtsstaatliche Sozialpolitik eine entscheidende Rolle. Moderne Sozialpolitik nimmt maßgeblich Einfluss auf die gesellschaftlichen Kämpfe, die im Rahmen eines politischen Gemeinwesens um die Verteilung und Anerkennung von Ressourcenausstattungen und Rechtsansprüchen, Leistungsbeiträgen und Le- bensweisen seiner Mitglieder geführt und immer wieder neu entfacht werden (Honneth 1992). In den folgenden beiden Abschnitten geht es, in ver- gleichender Perspektive und mit den historischen Wandel thematisierendem Gegenwartsbezug, um eben diese Muster materialer und symbolischer Strukturierung sozialer Ungleichheit durch wohl- fahrtsstaatliche Intervention. Strukturmuster sozialpolitischer Ungleichheitsproduktion: Vergleichende Perspektiven Die ungleichheitsstrukturierende Wirkung sozial- politischer Intervention in gesellschaftliche Ver- hältnisse hat viele Gesichter. In der vergleichenden Wohlfahrtsstaats- und Sozialpolitikforschung ist es in den letzten beiden Jahrzehnten üblich geworden, typische Muster sozialpolitisch hergestellter Un- gleichheitsrelationen unter Rückgriff auf das
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