Handbuch 5. Auflage
Beratung 155 Sozialisation als Vorbereitung auf Rollenzuschrei- bungen und soziale Ungleichheit von Frauen und Männern in Partnerschaft, Sexualität, Familie, Be- rufsleben und gesellschaftlicher Partizipation und leiten hieraus Handlungsansätze für frauenspezi- fische Beratung ab, z. B. das Prinzip der Parteilich- keit. Zudem rückte auch die Gruppe in den Blick der Beratung, später die Beratung in und von Organi- sationen (Schönig / Brunner 1993) und sozialen Netzwerken (Nestmann 1989; Pearson 1997). War insbesondere sozialpädagogische und soziale Beratung in Westdeutschland bis in die 1980er Jahre hinein (mit Ausnahme der Frauenberatung) eher eine Hilfeform für unterprivilegierte Klientele, so stellen sich seit den 1990er Jahren veränderte und erweiterte Aufgaben. Mit ökonomischen Kri- sen, dem Abbau sozialstaatlicher Sicherung und dem Einzug neoliberaler Politikmodelle sowie mit der im Zuge rasanter Modernisierungsprozesse steigenden Desorientierung kommt auf Beratungs- einrichtungen bis heute mehr und mehr ein mit Status- und Sicherheitsverlust konfrontiertes Mittel- schichtsklientel zu. Arbeitslosigkeit, die Folgen von Trennung oder Krankheit, ausländerrechtliche Schwierigkeiten oder Behinderung etc. können auch in der Mittelschicht vermehrt nicht mehr materiell und sozial abgefedert werden. So entsteht Bedarf nach Beratung nicht nur durch massive Orientie- rungsprobleme in options- und chancenreichen pluralisierten Lebensmöglichkeiten, sondern auch durch den Ausschluss eines Teils der Bevölkerung von eben diesen Chancen und Wahlmöglichkeiten einer modernen Gesellschaft. Sozialpädagogische Beratung dient seitdem u.a. auch der Bewältigung des Ausschlusses der Modernisierungsverlierer(in- nen) oder ist eingebettet in Bildungsprozesse und im weitesten Sinne pädagogisches Handeln (Engel 2007), das längst nicht auf Adressat(inn)en in prekä- ren Lebenslagen beschränkt bleibt. Theoretische Ansätze und Konzepte der Beratung Wenn man auf Theorieentwicklungen nach 1945 zurückblickt, bestimmte in Westdeutschland zu- nächst eine testdiagnostische Modellvorstellung die Beratung ( trait and factor -Modell). Testergebnisse sollten Berater(innen) in die Lage versetzen, Ent- scheidungen und Ratschläge durch wissenschaftlich gesicherte Erfassung von Persönlichkeitszügen, Fä- higkeiten, Leistungspotenzialen etc. zu fundieren und zu legitimieren. Mit der wachsenden kritischen Auseinandersetzung um die Testdiagnostik sowie mit einer Verschiebung professioneller Funktionen von Selektionsaufgaben hin zu Modifikationsauf- gaben (Nestmann 1982) stieg jedoch die Bedeutung von Beratungsansätzen, die aus verschiedenen Psy- chotherapieschulen abgeleitet werden. Im psychotherapeutischen Denken des Heilens pa- thologischer Störungen wurden auf der Grundlage unterschiedlicher Wissenschafts- und Persönlich- keitstheorien Modellvorstellungen der Erklärung, der Einordnung und der Behandlung persönli- cher – vornehmlich psychischer – Krisen, Verhal- tensstörungen und Schwierigkeiten im Erleben und in der Verarbeitung von Erfahrungen ent- wickelt. Diese Modellvorstellungen wiederum bil- deten den Hintergrund für Strategien und Metho- den der Problembearbeitung, der Interaktion und Kommunikation in der Psychotherapie und eben auch in der Beratung. Neben interne Differenzie- rungen und Erweiterungen der großen Therapie- stränge traten mit dem Aufkommen kommunika- tionstheoretischer Reflexionen sozialer und psychosozialer Interaktionsprozesse familienthe- rapeutische Beratungskonzepte sowie humanisti- sche Konzepte. Diese Therapiemodelle beein- flussten die Beratungstheorie und Beratungspraxis nachdrücklich und entwickelten auch deren Bera- tungsableger wie die Gestaltberatung, transaktio- nale Beratung, psychodynamische Beratung etc. Unter den psychotherapeutischen Beratungsansät- zen kommt zweifellos der klientzentrierten Psycho- therapie eine Ausnahmestellung zu. Sie wurde zu- nächst als „klientzentrierte Gesprächsführung“ zu einer grundlegenden Basis für die Beratungsinter- aktion (Rogers 1976). Ihre Prinzipien wie Einfüh- lendes Verstehen, Echtheit des Beraters oder der Beraterin sowie Akzeptanz und Wertschätzung bilden bis heute einen Grundstock nahezu aller Beratungsaus- und -weiterbildungen. Als personzen trierte Beratung zählt die klientzentrierte Gesprächs führung heute international zu den wichtigsten Handlungsorientierungen der Beratungspraxis (Steenbuck 2005; Sander 2007). Beratung wurde und wird in den meisten The rapieablegern implizit als Schmalspur psycho therapeutischen Handelns ausgewiesen. Bis heute
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