Handbuch 5. Auflage

156 Nestmann · Sickendiek  besteht in Teilbereichen der Beratung ein Bild von „therapeutischer Beratung“ als „kleiner The- rapie“ für weniger schwerwiegende Störungen, die zwecks Erreichung breiterer Schichten und umfassender Problemkonstellationen gerade in sozialpädagogischen Handlungsfeldern etwas von ihrer Striktheit und Exaktheit im Arrangement sowie der technischen Ausgefeiltheit des Vor- gehens und damit verbunden der ausbildungs- und methodenspezifischen Qualifikationsforde- rungen an die Berater(innen) aufgibt. Ihre Wirkung wird aber weiterhin auf der theoreti- schen Basis und im Rahmen der grundlegenden methodischen Vorgehensweisen der therapeuti- schen Ausgangskonzepte postuliert. Zum Erhalt dieser Vorstellungen tragen neben der verbreite- ten Praxis, Psychotherapie-Zusatzausbildungen zur Voraussetzung bei Stellenbesetzungen zu ma- chen, u. a. berufspolitische Folgen des 1999 in Kraft getretenen Psychotherapeutengesetzes bei. Hier wurde die therapeutische Berufsausübung ganzen Gruppen von Psychotherapeut(inn)en er- schwert und ihnen damit indirekt Beratung als Arbeitsfeld attraktiver gemacht. Heute jedoch hat Beratung – nicht zuletzt in der Sozialarbeit / Sozialpädagogik – ein eigenständiges Theorieprofil gewonnen, das sich durch vielfältige konzeptionelle Zugänge aus verschiedenen Diszip- linen auszeichnet. Mit Begriffen wie Lebenswelt und Alltag, System und Kontext, Ressourcen und soziale Netzwerke, Diversität, soziale Konstruktion und Narration verbinden sich aktuelle konzeptio- nelle Beratungsansätze. Das lebenswelt- und alltagsorientierte Rahmenkonzept der Beratung Eine grundlegend bedeutende theoretische Säule ist die Lebenswelt- und Alltagsorientierung der (so- zialpädagogischen) Beratung, die bereits 1976 in einem diskussionsprägenden Aufsatz (Frommann et al. 1976) vorformuliert wurde. Die Autor(inn)en entwerfen auf dem theoretischen Hintergrund von Interaktionismus undAlltagstheorie eine sozialpäd­ agogische Beratung, die „parteinehmende Praxis“ sein soll, „die gestützt auf Persönlichkeits- und Gesellschaftstheorie durch reflektierte Beziehun- gen und Erschließen von Hilfequellen verschiede- ner Art das Unterworfensein von Menschen unter belastende Situationen verändern will“ (739). Diese Form von Beratung, die entsprechend der Tradition sozialpädagogischen Handelns in An- spruch nimmt, Alltagsprobleme einerseits unver- kürzt, andererseits professionell anzugehen, de- finiert ihre Aufgabe u. a. als eine an sozialen Situa- tionen und am Handeln von Betroffenen ausgerichtete gemeinsame Erforschung von Pro- blemen und Problembezügen. Es geht dabei z. B. um das Verflüssigen oberflächlicher Deutungen von Lebenserfahrungen und vorschneller Rationa- lisierungen, die einer „gelingenderen“ Lebensfüh- rung im Wege stehen. Gerade in ihren Anfängen wendete sich die Lebens- welt- und Alltagsorientierung gegen ein starres Expert(inn)enmodell der Beratung, das Rat- suchende und ihre Problemlagen aus der sozialen Realität und subjektiven Erfahrungswelt herauslöst und sie einer fremden, alltagsfernen und v. a. insti- tutionell geprägten Beratungsmoral unterwirft (Thiersch 1992). Die alltägliche Lebenswelt der Ratsuchenden ist jener Ausschnitt der Wirklichkeit, der unmittelbar erlebt und unter Beteiligung des Subjekts fortwäh- rend neu in Aushandlung mit der sozialen Umwelt konstruiert wird. Die erfahrene Wirklichkeit ist gleichzeitig Hintergrund für Wahrnehmung, Sinn- gebung und Handeln wie auch Gegenstand von Bedürfnissen, Absichten und Handlungen: Men- schen sind ihrer Lebenswelt gleichzeitig „ausgelie- fert“, wie sie diese aber auch ständig mitgestalten. Beratung wendet sich unter der Maxime der Le- bensweltorientierung von institutionell und me- thodisch starren Verfahren ab und wendet sich Ratsuchenden dort zu, wo Probleme entstehen oder auftreten: Beraten muss in weiten Teilen durch Vertrautwer- ■ ■ den mit der Lebenswelt der Klient(inn)en gestützt sein und sich als gemeinsames Interpretieren und Reflektieren in Kontexten verstehen, die Räume und Gelegenheiten für Beratung im Alltag der Adressat(inn)en anbieten (Thiersch 1992; 2007a; 2007b). Werte, Gewohnheiten, Denk- und Hand- lungsmuster wie auch allgemeinere Alltagstheo- rien der Ratsuchenden können Berater(innen) dann nachvollziehen und als Beratungshintergrund einbeziehen, wenn sie diese im Rahmen der Le- benswelt sehen können.

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