Handbuch 5. Auflage
1552 Grundmann resultiert aus der generativen, genealogischen, päd- agogischen und gesellschaftlich-historischen Ver- Bindung von Individuen und den sich daraus er- gebenden relativ dauerhaften „Wahrnehmungs-, Bewertungs-, und Handlungsdispositionen auf persönlicher wie auf kollektiver Ebene“ (Hurrel- mann et al. 2008b, 25). Sie zeigen sich daher auch in den gesetzten Regeln und Prinzipien des sozialen Handelns, die das Zusammenleben in sozialen Gruppen, Organisationen und Institutionen be- stimmen. Sie äußern sich aber auch in der Identifi- kation der Personen mit ihren Bezugsgruppen und den kulturellen Praktiken, die in ihren Lebensräu- men und Milieus vorherrschen. Zur Modellierung von Sozialisationsprozessen Wollte man Sozialisationsprozesse modellieren, dann sind zwei zentrale miteinander verwobene Wirkungsrichtungen darzustellen. Diese ergeben sich gleichursprünglich aus dem Umstand, dass Menschen soziale Wesen sind, sich also durch so- zialisatorische Interaktionen in ihrem Handeln aufeinander beziehen und so miteinander verbin- den. Die Wirkung dieser Interaktion entfaltet sich in Richtung des personalen Selbsterlebens und in Richtung der sozialen Erfahrung, die Individuen als Teil eines Kollektivs, einer Gemeinschaft oder einer sozialen Bezugsgruppe machen. Bezogen auf das individuelle Welt- und Selbsterleben spielen mentale, geistige, emotionale und psychosoziale Erfahrungen eine zentrale Rolle, die sich in den Akteuren (also psychisch und körperlich) und zwi- schen einzelnen Individuen im sozialen Mikrokos- mos (z. B. einer intimen Paarbeziehung, in der El- tern-Kind-Beziehung, der Freundschaftsbeziehung) abspielen. In Hinblick auf das kollektive Erleben sind geteilte Erfahrungen bedeutsam. Obwohl hier individuelle Akteure agieren, tun sie dies nicht als Einzelperson, sondern als Mitglied einer sozialen Bezugsgruppe. Daher spielen hier vor allem die Er- fahrungen eine Rolle, die sich aus dem gemein- samen Handeln ergeben. Man könnte hier mit Emile Durkheim (1984) auch von einem Kollek- tivbewusstsein sprechen. Dabei ist das Erleben von sozialen Beziehungen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen in privaten und in öffentlichen Räumen ebenso angesprochen wie die tradierten und kulturell verfestigten Überzeugungen, die das Handeln z. B. einer gesellschaftlichen Großgruppe (Ethnie, Klasse, Religionsgruppe, Geschlecht) be- stimmen. Abb. 1: Allgemeines Modell von Sozialisation als soziale Praxis der Hervorbringung von Personalität und Sozialität Historische und kulturelle Lebensverhältnisse soziale Kompetenzen, Handlungsorientierungen Handlungsbefähigungen sozialisatorische Interaktion gemeinsame Lebensführung und situative soziale Handlungsbezüge Handlungserwartungen und -notwendigkeiten Handlungserwartungen und -notwendigkeiten soziale Kompetenzen, Handlungsorientierungen Handlungsbefähigungen Sozialisationspraxis Akteur 2 Akteur 1
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