Handbuch 5. Auflage
Sozialisation 1553 In Abbildung 1 sind – ausgehend von der sozialisa- torischen Interaktion zwischen Akteuren in der Mitte der Abbildung – die zwei genannten Wirk- richtungen dargestellt, die sich aus dem praktischen Vollzug des sozialen Miteinanders selbst ergeben: Die Wirkung auf die Akteure als handelnde Per- sonen im oberen Teil und die Wirkung auf das ge- meinsame Handlungsfeld, das Zusammen-Agieren als Mitglieder einer sozialen Gruppe im unteren Teil. Diese Wirkrichtungen lassen sich nicht einfach aufeinander reduzieren, noch stehen sie in einem kausalen Handlungszusammenhang. Sie lassen sich auch nicht als duale Entitäten beschreiben. Den- noch sind sie – eben durch den praktischen Vollzug von Akteuren in einer spezifischen sozialen Situation (die eine Geschichte hat) – miteinander verwoben. Das wird in dem Modell mit den Pfeilen zwischen der oberen und der unteren Hälfte angedeutet. Die dargestellten rekursiven Erfahrungszirkel im oberen Teil des Schaubildes verweisen dabei auf die mentale Verarbeitung von Erfahrungen der individuellen Akteure. Die rekursiven Erfahrungszirkel, die im unteren Teil dargestellt sind, verweisen auf den Um- stand, dass diese Akteure mehr oder weniger kom- petente Mitglieder einer Bezugsgruppe sind. Für eine solche Modellierung von Sozialisation ist kennzeichnend, dass Sozialisation zunächst und ganz grundlegend als soziale Praxis bestimmt wird, aus der sich spezifische Konsequenzen für die Per- sönlichkeitsentwicklung der beteiligten Akteure (wie z. B. Prozesse des Spracherwerbs, der Genese des sozialen Verstehens, der Entwicklung von Handlungskompetenzen usw.) und die Kultivie- rung sozialer Beziehungen (z. B. Regelhaftigkeit, Verlässlichkeit, Ritualisierungen etc.) ergeben. Aus dieser Praxis heraus werden soziale Tatsachen ge- schaffen, die wie z. B. Gewohnheiten oder typische Weltsichten auf die Praxis selbst zurückwirken (Berger / Luckmann 1969). Sozialisation wird dem- nach auch als ein reflexiver , gleichwohl ergebnisoffe- ner Prozess definiert, der sich quasi selbstbezüglich in Akteuren bzw. in sozialen Beziehungen abspielt. Zur Analyse von Sozialisation Geht man von dem gegenwärtigen trans- und in- terdisziplinären Wissensstand aus, dann lässt sich Sozialisation zunächst als jener Prozess identifizie- ren, über den sich ganz allgemein Sozialität und Gemeinschaftlichkeit im Zusammenleben ausbil- det und über den sich konkret Handlungsweisen und persönliche Haltungen von Individuen ent- wickeln, die das soziale Zusammenleben prägen. Damit verbunden ist schließlich auch die Ausbil- dung sozialer und personaler Identitäten, die Indi- viduen als Mitglied einer spezifischen Bezugs- gruppe, eines Kollektivs, einer Gesellschaft bzw. eines Kulturkreises ausweisen. Messbar wird Sozia- lisation daher vor allem an den Manifestationen sozialen Handelns, die sich in Eigenschaften von Personen bzw. Formen des sozialen Umgangs bzw. Regeln des Zusammenlebens sowie in Einstellun- gen und Werthaltungen äußern, die Individuen als Teil von Bezugsgruppen und in spezifischen Hand- lungskontexten ausbilden. Solche Manifestationen lassen sich aus unterschied- lichen Perspektiven betrachten. Zunächst sind da- bei die Perspektive der Gesellschaft und die sie kenn- zeichnenden Prozesse der sozialen Schließung und Verdichtung von Sozialbeziehungen sowie die Kul- tivierung des sozialen Lebens zu nennen. Hier kommen vor allem die Organisationsprinzipien des Zusammenlebens und die kulturellen Prägun- gen der Lebensverhältnisse in den Blick, in die So- zialisationspraxen eingebunden sind. Inwieweit, so könnte man fragen, sind Akteure in kulturelle Handlungspraktiken eingebunden, welche Hand- lungsorientierungen ergeben sich durch gesell- schaftliche Wertvorstellungen, durch religiöse Glaubenssätze, durch politische Überzeugungen und inwieweit sind die Lebensverläufe und die Entwicklungsmöglichkeiten von Individuen durch ökonomische, politische und rechtliche Vorgaben und institutionelle Rahmenbedingungen vorge- zeichnet? Demgegenüber lässt sich Sozialisation auch aus der Perspektive der individuellen Entwicklung beschrei- ben, über die sich Akteure Erkenntnisse und Hand- lungswissen aneignen, die sie dazu befähigen, sich aktiv an der Gestaltung des sozialen Lebens zu be- teiligen (Grundmann 2006a, 203ff ). Aus dieser Akteursperspektive heraus sind die individuellen Bezugslogiken zu rekonstruieren, die Individuen dazu motivieren oder zwingen, sich auf spezifische Art den gesellschaftlichen Verhältnissen bzw. der sozialen Wirklichkeit anzupassen und aus denen sich entsprechende personale Erfahrungen und Selbstbestimmungen (Identifikationen, Identitä- ten) ergeben. Dabei kommen schließlich auch jene
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=