Handbuch 5. Auflage

1554 Grundmann  intersubjektiven Handlungsstrukturen in den Blick, über die im gemeinschaftlichen Zusammen- leben die „Bedeutung“ von Wirklichkeit hergestellt und zugleich die individuellen Handlungsbefä- higungen deutlich werden, also die spezifischen Beiträge, die der Einzelne für das Gemeinwesen leistet. Damit kommt eine vermittelnde, meso- strukturelle Perspektive von Sozialisation zur Spra- che, die sich aus der Einbindung von Akteuren in soziale Bezugsgruppen ergibt. Sozialisation mani- festiert sich dann in den Fähigkeiten der Personen, sich auf diese Verhältnisse einzulassen und an deren Gestaltung aktiv mitzuwirken. Hier kommen For- men der Wertschätzung und soziale Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie kritische Auseinan- dersetzungen mit der sozialen Wirklichkeit in den Blick, an denen sich konkrete Praxen der sozialen Bezugnahme und der sozialen Ein-Bindung mes- sen lassen. Eine solche differenzierte Analyse von Sozialisation liegt auch dem heuristischen Modell der Sozialöko- logie der menschlichen Entwicklung zugrunde, das Urie Bronfenbrenner (1979) entwickelt hat. Dort unterscheidet er spezifische Umwelten, in denen sich Sozialisationsprozesse vollziehen. Neben in- nerpsychischen und mikrosozialen Erfahrungen berücksichtigt er die Erfahrungen, die in meso-, exo- und makrostrukturellen Handlungskontexten gemacht werden. Dabei wird deutlich, dass Soziali- sation ein enorm voraussetzungsvolles Geschehen ist, aus dem sich keine einfachen kausalen Hand- lungslogiken herleiten lassen. Sozialisation ist viel- mehr als ein ergebnisoffener Prozess zu modellie- ren, als ein potenzieller Verwirklichungsprozess im Rahmen vorgegebener Lebensverhältnisse und per- sonaler Handlungsbefähigungen. Dazu ist es er- forderlich, die unterschiedlichen Einflüsse der so- zialen Umwelt auf die Akteure systematisch zu erfassen und in ihren Wechselwirkungen zu ana- lysieren (Grundmann 2008a). Was dabei in den Blick gerät, sind nicht nur die Handlungsmöglich- keiten bzw. -restriktionen, sondern auch die „Qua- lität“ der sozialen Praxis, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Bindungskräfte und der in ihr angelegten Unterstützung, Verlässlichkeit und Solidarität kon- kretisieren lässt. So stellt sich z. B. die Frage, ob und auf welche Weise soziale Beziehungen, Kom- munikationspraktiken und soziale Ordnungssys- teme das Wohlergehen der Betroffenen bestimmen und deren Haltungen gegenüber ihren Mitmen- schen und ihren Lebensverhältnissen beeinflussen. Ein solches Analysemodell hat enorme metho- dische Implikationen. Zunächst einmal ist fest- zuhalten, dass sich Sozialisationsprozesse nur im Längsschnitt angemessen erfassen lassen. Was punktuell gemessen werden kann, sind entweder personale Entwicklungsstände und Eigenschaften, die sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben herausgebildet haben, oder aber die sozialen Verfassungen einer Bezugsgruppe (z. B. die Zu- sammensetzungen und rechtlichen Grundlagen des Familienlebens) zu einem spezifischen histori- schen Zeitpunkt bzw. in einer spezifischen Phase ihrer Entwicklung. Damit allerdings ist wenig über die Beziehungsqualitäten und -dynamiken gesagt. Um diese zu erfassen, sind die Bezugsgruppen in ihre dyadischen und triadischen Beziehungsstruk- turen aufzubrechen, sind persönliche Haltungen zueinander, das Maß des Zusammenhalts, die so- zialen Bindungen und die Einstellungen der betei- ligten Personen zu sich selbst als Mitglied der Be- zugsgruppe und zur Bezugsgruppe als soziale Einheit zu erkunden. Das setzt hochsensible und komplexe Messverfahren voraus, die häufig gerade nicht mit Standardinstrumenten erfolgen können, sondern teilnehmende Beobachtungen, Feldfor- schungen, qualitative Interviews oder aber quasi- natürliche Beobachtungsstudien erforderlich ma- chen (Grundmann et al. 2000; Grundmann 2008a; Hurrelmann et al. 2008b, 22 ff.). Der komplexen Definition und Modellierung von Sozialisation entspricht das weit gefächerte Feld der Sozialisationsforschung. Dieses bezieht sich auf Forschungen zur „innerpsychischen Verarbeitung von Erfahrungen und die handlungsleitende Funk- tion mentaler Modelle und Skripte“, die Analyse „der Gestaltungsprozesse sozialer Umwelten durch die Akteure“, eine „differenzierte und komplexe Konzeption von Umwelten“ (z. B. die Analyse von Familien- und Arbeitsbeziehungen) und die Ana- lyse der Wechselwirkungen zwischen den verschie- denen Erfahrungskontexten untereinander (z. B. zwischen Familie und Arbeitswelt) sowie eine Ana- lyse der individuellen Fokussierung auf spezifische Erfahrungswelten (z. B. Leistungskontexte vs. Frei- zeitkontexte) bzw. der Vereinnahmung der Indivi- duen durch Erfahrungskontexte (z. B. das Bil- dungssystem) (Hurrelmann et al. 2008b, 15). Inhaltlich sind hier Untersuchungen über die Rolle enger Bindungen und Beziehungen für die Ent-

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