Handbuch 5. Auflage
Sozialisation 1555 wicklung der Personen zu nennen, Analysen über individuelle Entwicklungsprozesse in sozialen Kon- texten, über Risiken und Chancen der Persönlich- keitsentwicklung und Lebensführung bis hin zu Studien über die Genese sozialer Beziehungen, über die Gestalt von Sozialisationsumwelten sowie zum Verhältnis von sozialer Umwelt und soziokul- turellen Prägungen der Lebensführung. Dabei kommen Geschlechter- und Ungleichheitsverhält- nisse ebenso in den Blick wie kulturspezifische Praktiken der Lebensführung (Hurrelmann et al. 2008a). Zentrale Felder der empirischen Sozialisationsforschung Die Bedeutung von Sozialisation für die Soziale Arbeit und die Sozialpädagogik lässt sich anschau- lich an zentralen Feldern der empirischen Sozialisa- tionsforschung veranschaulichen, in denen die Entwicklung individueller Handlungsbefähigun- gen und Lebensführung (Otto / Ziegler 2008; Homfeld et al. 2008) sowie die Gestaltung von Sozialräumen und soziale Praxisfelder (Kessl et al. 2008) analysiert werden. Denn dort geht es um die Frage, was Individuen befähigt, sich zu entfalten (Wohlbefinden) und ihre Lebensverhältnisse zu ge- stalten (Emanzipation). Man könnte auch formu- lieren: In der Sozialisationsforschung werden die Bedingungen, Möglichkeiten, Einschränkungen und letztlich auch Risiken der personalen sozialen Wohlfahrtsentwicklung untersucht. Diese Zuspit- zung der Sozialisationsforschung auf das Wohl- befinden und die Entfaltung von Handlungsmög- lichkeiten von Individuen (im Sinne der Stärkung der Verwirklichungschancen; Otto / Ziegler 2008) eröffnet auch für die Soziale Arbeit und Sozialpäd agogik bedeutsame Einsichten, wenn die Klientel der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik nicht als Adressat wohlfahrtsstaatlicher Hilfestellung, son- dern, wie in akteursorientierten Ansätze üblich, im Sinne der skizzierten Sozialisationstheorie, als ak- tive Mitgestalter ihrer Lebenswirklichkeit kon- zipiert werden (Homfeld et al. 2008). Sozialisation und gesellschaftliche Wohlfahrt Die biologischen, genetischen und hirnphysiologi- schen Prozesse, die einem solchen Verständnis von Sozialisation zugrunde liegen, sind mittlerweile hinreichend entschlüsselt und beschrieben worden (z. B. Asendorpf 2008). Sie bestätigen zunächst, dass Sozialisation eine für die menschliche Gattung zentrale Form der Lebensgestaltung sicherstellt. Diese äußert sich z. B. in den grundlegenden Orga- nisationsprinzipien menschlicher Gemeinwesen, den spezifischen Handlungsdispositionen und Be- dürfnisstrukturen z. B. nach sozialer Bindung und Verlässlichkeit aber auch in den spezifischen Wahr- nehmungsstrukturen und kognitiven Operationen, die zu einer spezifischen Erkenntnis über den Menschen als Kulturwesen führen (z. B. in Hin- blick auf Sprache, Kommunikation, Rechtsfor- men). Konkret haben sich diese Einsichten auch in Studien niedergeschlagen, in denen die Möglich- keiten einer selbstbestimmten Lebensführung und Lebensgestaltung auch unter restriktiven Lebens- bedingungen untersucht werden. Hier sind vor al- lem Armuts- und Milieustudien (Kessl et al. 2008; Grundmann et al. 2006) zu nennen, die die von Deprivationen Betroffenen in ihren verfügbaren Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten ebenso ernst nehmen, wie die Solidaritätspotenziale, die in deprivierten Milieus verborgen liegen. Solche Studien wurden bereits in den 1970er Jah- ren durchgeführt, wobei vor allem einer Erweite- rung der Sozialisationsforschung auf die gesamte Lebensspanne und die ungleichen Lebensbedin- gungen, vor deren Hintergrund sich Personen ent- wickeln und ihr Leben gestalten können, im Vor- dergrund des Interesses standen (Elder 1974; 1995). In den Blick gerieten dabei u. a. die zuneh- menden Gestaltungsfreiräume, die sich durch wirt- schaftliches Wachstum und durch die Expansion der Bildung und die Verlängerung der Lebenszeit ergeben, aber auch die Risiken und Restriktionen einer Lebensführung, die durch wirtschaftliche Unsicherheiten und Lebenskrisen gekennzeichnet ist. Diese Forschungen haben auch die Kehrseite moderner, kapitalistisch organisierter Gesellschaf- ten aufgedeckt, die sich z. B. im zunehmenden Ausschluss breiter Bevölkerungsgruppen von ge- sellschaftlicher Teilhabe und Wohlfahrt äußert. Ins Zentrum der Sozialisationsforschung rückte
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