Handbuch 5. Auflage

1556 Grundmann  dementsprechend eine Risikofaktorforschung, die sich auf die Analyse von Risiken und Unterstüt- zungspotenzialen der Lebensverhältnisse für die Entfaltung der Persönlichkeit konzentriert (Grund- mann 2006a, 162 ff.). In den Blick kamen dabei soziales Problemverhalten – insbesondere bei He- ranwachsenden –, es wurden Bildungs- und Leis- tungsversagen ebenso thematisiert, wie prekäre Lebensverhältnisse und die in ihnen angelegten Risiken einer „gesunden“ Lebensführung. Zugleich wurde der Entwicklung von Handlungskompeten- zen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt, da diese offensichtlich die Risiken der postmodernen und fragilen Lebensführung mildern können. Der Fokus der Sozialisationsforschung liegt bei all dem auf modernen, westlichen Gesellschaften. Kulturvergleichende Studien sind nach wie vor selten (Trommsdorff 1989). Das ist nicht verwun- derlich, wenn man bedenkt, dass die soziale Inte- gration vor allem in modernen, kapitalistischen Gesellschaften brüchig geworden ist und die An- sprüche an das Individuum, sich selbst bei der Ge- staltung der Lebensverhältnisse einzubringen, enorm gestiegen sind. Sozialisation ist demnach zunächst und vorrangig ein Thema des abendlän- dischen Kulturkreises. Gleichwohl haben sich die dort zu beobachtenden Erosionen verlässlicher Le- bensverhältnisse und allgemein gültiger Wert- und Normvorstellungen mittlerweile weltweit aus- gebreitet. Aber immer dort, wo tradierte und be- währte Praxen des Zusammenlebens in Frage ge- stellt werden, entstehen in sozialen Nahräumen vielfältige Experimente der Lebensführung, um den veränderten Lebensbedingungen angemessen begegnen zu können. Besonders augenscheinlich ist diese sozialisatorische Bewegung von unten in der Familie und den vielfältigen Formen privater Lebensführung, die sich in den letzten Dekaden herausgebildet haben (Grundmann /Hoffmeister 2009a). So konnte in der Familienforschung deut- lich herausgearbeitet werden, dass die systemisch bedingten Verwerfungen und Restriktionen, die das Zusammenleben in Familien erschweren, mit- unter durch die vielfältigen Gestaltungsmöglich- keiten des konkreten Miteinanders in anderen pri- mären Bezugsgruppen aufgefangen und kompensiert werden können (Bertram 1995; 2002; Grundmann /Hoffmeister 2009b). Das stützt die These, dass es gerade die sozialen Nahraumbezie- hungen sind, die dazu beitragen, dass Akteure trotz sozialstruktureller Marginalisierung und ökonomi- schen Restriktionen soziale Praxen etablieren, die zumindest im mikrosozialen Alltagsleben starke soziale Bindungen und relativ verlässliche Sozialbe- ziehungen entstehen lassen. Sozialisation in der Familie Diese Gestaltungsdynamiken von Familienbezie- hungen eröffnen auch den Zugang zur Analyse fa- miliärer Sozialisation . Ausgangspunkt sind dabei stets die Generationenbeziehungen und deren kon- krete Ausgestaltung in dyadischen und triadischen Familienbeziehungen. So zeigte sich, dass Eltern keineswegs zu allen Kindern qualitativ gleichwer- tige Beziehungen aufbauen und sich auch die je- weiligen Erziehungsstile in Hinblick auf einzelne Familienmitglieder – sowohl in synchroner, als auch in diachroner Hinsicht – sehr voneinander unterscheiden können. Zu berücksichtigen ist also stets die interne Beziehungsdynamik, die durch das Zusammenleben, durch Erfahrung, raumzeitliche und kommunikative Grenzen, durch Intimität, Nähe, Distanzregulation usw. zu bestimmen ist. Daraus ergeben sich für die einzelnen Familienmit- glieder mitunter sehr unterschiedliche Erfahrungs- räume, was sich im weiteren Lebenslauf in höchst unterschiedlichen Familienerinnerungen und -mentalitäten niederschlagen kann. Hieraus resul- tieren in der Summe erst jene Beziehungslogiken, die bei der Betrachtung einer Familie als Interakti- onssystem in Rechnung gestellt werden müssen, wobei sich einzelne Familienmitglieder ähnlicher oder näher sein können, während andere wiederum völlig differente Sozialcharaktere darstellen und auch nur einen geringen Grad an Verbundenheit aufweisen (Grundmann /Hoffmeister 2009a). Auch hierbei spielen die Reziprozität der Bezie- hungen, die Art der Kommunikation sowie das Aushandeln von Gemeinsamkeiten und Differen- zen eine entscheidende Rolle (Gerris /Grundmann 2002). Immer jedoch sind die spezifischen Rah- menbedingungen der Familienbeziehungen (z. B. Altersabstand, Geschlecht, soziale Lage) sowie die individuellen Erfahrungsfonds maßgeblich mit- bestimmend hinsichtlich der jeweiligen Gestal- tungsoptionen. Im Anschluss an das Modell der Sozialökologie menschlicher Entwicklung von Bronfenbrenner

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