Handbuch 5. Auflage

Sozialisation 1557 (1979) wurden diese Rahmenbedingungen der fa- miliären Sozialisation als ein in sich geschachteltes und aufeinander bezogenes sozialökologisches Be- ziehungssystem beschrieben (Gerris /Grundmann 2002), an dem entlang sich die unterschiedlichen Beziehungsmuster, familialen Subkulturen, Hand- lungsstränge usw. entwickeln, die dann als Ganzes eine sich im Familienverlauf herauskristallisierende Familienkultur bestimmen. Mit einer solchen For- schungsperspektive ist auch die Frage verbunden, wie sich das Verhältnis der Generationen zueinan- der und die Ausgestaltung von Generationenbezie- hungen verändern. Damit treten Fragen der Erzie- hung und des generativen Lernens und der Gestaltung von Peerbeziehungen sowie von Bezie- hungen in der Öffentlichkeit ins Relief (Lü- scher / Liegle 2003). Die Forschungen in diesem zentralen Feld der So- zialisationsforschung informieren also nicht nur darüber, wie Menschen versuchen, sich in unbe- stimmten Zeiten und unter sich rapide wandeln- den Lebensbedingungen zu behaupten. Sie decken auch jene ökonomischen, soziokulturellen und politischen Bedingungen auf, die die Verwirk- lichungs- und Gestaltungsspielräume von Men- schen einschränken (Grundmann 2008b). Dabei spielen jedoch weniger normative Annahmen einer gelingenden oder angepassten Sozialisation eine Rolle, wie sie in den 1950er Jahren noch formuliert wurden, sondern emanzipatorische Gesichtpunkte, wie sie z. B. im Capability Approach (Otto / Ziegler 2008) zum Ausdruck kommen. Die Frage lautet dann: Was befähigt Individuen dazu, ihre Lebens- verhältnisse so zu gestalten, dass sie sich in ihnen wohlfühlen, und welche Umstände hindern sie daran. Sozialstruktur und Sozialisation Der Frage nach den Anregungs- und Gestaltungs- potenzialen von Lebensverhältnissen ist insbeson- dere in der schichtspezifischen Sozialisationsfor- schung nachgegangen worden (Grundmann 1994). In ihr wurden die Mechanismen sozialer Vermitt- lung von Handlungsressourcen und Wertorientie- rungen in der Herkunftsfamilie und deren Bedeu- tung für den Statuserwerbsprozess bzw. die Einstellungen und Haltungen gegenüber Bildung, Erwerbsarbeit und kulturellen Praktiken analysiert. Dabei gelang es, den Einfluss der sozialen Herkunft zu konkretisieren. So wurde herausgearbeitet, wie sich Kommunikations- und Erziehungsstile, kultu- relle Praktiken und Qualitäten der Beziehungs- gestaltung auf den Bildungserfolg, die Berufswahl- orientierung, auf Heiratsmuster und die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Mittler- weile sind die Variationen herkunftsspezifischer Ressourcen sowohl in Hinblick auf die ökonomi- sche, soziale und kulturelle Ressourcenausstattung als auch in Hinblick auf Kommunikations-, Bin- dungs- und Erziehungspraktiken weitgehend ent- schlüsselt und ihr Einfluss auf die Lebenschancen und die individuelle Lebensführung sowie zentrale Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung (Wertori- entierungen, Handlungsbefähigung, Bindungsver- halten) umfassend erforscht worden (Grundmann 2006a; Grundmann et al 2006b). In diesem Sinne hat die sozialstrukturelle Sozialisationsforschung das Wissen über die Mechanismen der sozialen Re- produktion und sozialen Vererbung substantiell erweitert. Zudem trug sie zur Entwicklung von Forschungsinstrumenten und Analysemodellen bei, mit denen die „Wirkungen“ gesellschaftlicher Selektions- und Zuschreibungsprozesse für die In- dividualentwicklung und deren Auswirkungen auf die „Qualität“ z. B. von Bildungsinstitutionen er- fasst werden können. Bei alldem zeigt sich aber auch, wie sehr soziale Selektion, Sozialisation und individuelle Entwicklung miteinander verwoben sind. Diese Verwobenheit manifestiert sich auf der Akteursebene in den spezifischen Handlungsbefä- higungen, die Individuen im Laufe ihres Lebens ausbilden, und in eben jenen Verfestigungen sozia- ler und räumlicher Grenzen im sozialen Zusam- menleben, die schließlich als Habitus- und Oppor- tunitätsstrukturen und in Form institutioneller und rechtlicher Rahmenbedingungen auf Soziali- sationspraxen zurückwirken (Grundmann 2006a). Die Befunde der sozialstrukturellen Sozialisations- forschung haben schließlich auch zur Einsicht beige­ tragen, dass Sozialstrukturen nicht als ein schicksal- haftes Gefüge von ungleichen Lebensverhältnissen definiert werden können, denen Individuen schlicht ausgesetzt sind. Vielmehr wird eine sozialisations- theoretische Deutung plausibel, nach der Sozial- strukturen als konkrete Lebensräume und Oppor­ tunitätsstrukturen zu betrachten sind, die von individuellen, gleichwohl auf eine gemeinsame Handlungspraxis fokussierenden Akteuren – je

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