Handbuch 5. Auflage

Beratung 157 Die wichtigste Dimension der Lebensweltorientie- ■ ■ rung (Grunwald /Thiersch 2004) ist heute der Res- pekt vor den eher unauffälligen Bewältigungsleis- tungen, die Ratsuchenden auch in schwierigen Lebenslagen gelingen. Die erfahrene Zeit im Le- benslauf, die sozialräumlichen Lebensverhältnisse, die sozialen Bezüge der Ratsuchenden sowie ihre Fähigkeiten zur Selbsthilfe können gestärkt werden. Systemische Beratung Unter dem Begriff der systemischen Beratung fin- det man z.T. schwer in Verbindung zu bringende unterschiedliche Konzepte der Beratungsarbeit mit Einzelnen, Gruppen, Familien und Organisationen (zur Kritik: Goldner 2003). Die Grundannahme seriöser systemischer Ansätze und der damit ein- hergehende Paradigmenwechsel vom individuums- zentrierten Denken war und ist es, Fragestellungen, Probleme und Störungen weniger auf intrapsy- chische Prozesse und Individuen als vielmehr auf die sozialen Systeme zurückzuführen, in welche die Betroffenen eingebunden sind und in denen sie interagieren (Watzlawick et al. 1969; Retzer 1994). Systemische Berater(innen) nehmen entsprechend die Interaktions- und Kommunikationsformen in Systemen in den Blick: In der Art und Weise, wie Personen miteinander interagieren (z. B. Macht ausüben, sich bestimmte Positionen zuschreiben, von unausgesprochenen Vorannahmen über Ziele und Absichten der anderen ausgehen), entstehen Probleme und Konflikte bzw. werden aufrecht- erhalten – oft bis sie sich verfestigt haben und kaum noch beeinflussbar erscheinen. Hier liegt auch der Ansatzpunkt für Veränderung und Intervention (Brunner 2007; Brüggemann et al. 2006). Dabei ist das Unterscheiden von Psycho- therapie und Beratung eher irrelevant, weil es nicht um Heilung von Personen, sondern um das Ver- ändern von Kommunikation geht. So wird z. B. reflektiert, welche systemstabilisierende Funktion das kommunikative Kreisen um bestimmte Pro- bleme (etwa eines Kindes in einer Familie) hat, welche Subsysteme sich innerhalb eines Systems ausbilden und andere Teile exkludieren – z. B. ein Elternteil-Kind-Subsystem, das ein anderes Kind ausgrenzt – oder wie sich ein System kommunika- tiv nach außen abgrenzt und ob die so gezogenen Grenzen konstruktiv oder hinderlich sind. Ver- änderungen werden erzielt durch systemische In- terventionen wie das zirkuläre Fragen, die paradoxe Intervention oder die Auseinandersetzung mit Grenzen des Systems oder der Subsysteme. Eine Weiterentwicklung aus dem systemischen Denken ist der lösungsorientierte Ansatz der Bera- tung. Lösungsorientierte Beratung basiert auf ei- nem radikalen Abwenden von langen Analysen der Problementstehung und Problemursachen. Viel- mehr zentriert sich das Beraten sehr schnell auf die Suche nach Veränderungen bzw. Lösungen. Die Ratsuchenden werden gebeten, sich auf die Zu- kunft zu konzentrieren und gemeinsam mit dem Berater oder der Beraterin und mit veränderten Denk- und Handlungsweisen ein Weitergehen über das Problem hinaus zu konstruieren (DeSha- zer 1989; Bamberger 2001). Lösungsorientiertes Fragen und das sprachliche Vorwegnehmen einer veränderten Situation gelten als zentrale Strategien lösungsorientierten Beratens. Kontextorientierte Beratung Kein eigenständiger Ansatz, sondern eher prag- matisches Resultat lebensweltorientierter, syste- mischer und gemeindepsychologischer Modell- vorstellungen ist ein wachsender Bezug auf den Kontext in der Beratung, der sich auch in einer Renaissance des Begriffs des „Psychosozialen“ wiederfindet und seit Langem in sozialpädagogi- schen Beratungszugängen angelegt ist. Eine grö- ßere Alltagsnähe von Beratungsangeboten (z. B. räumlich und zeitlich: Großmaß 2000) sowie eine umfassende Zusammenarbeit mit anderen sozia- len Diensten ist eine Seite der Kontextorientie- rung. Ebenso bedeutsam bleibt das grundsätzliche Berücksichtigen der Komplexität und Brüchig- keit wie des Gelingens von Lebenssituationen und Bewältigungsformen der Ratsuchenden im Bera- tungsprozess. Auch die sozialkonstruktionisti- schen Konzepte heben hervor, wie notwendig das Einbeziehen (sub-)kultureller Konstruktionen über erfahrene Wirklichkeit in die Beratung ist – konstruierter Wirklichkeiten von Ratsuchen- den ebenso wie von Berater(inne)n, die sich in den Narrationen der Problem- oder auch Bewälti- gungsgeschichten widerspiegeln (Gergen 1999). Berater und Beraterin sollten in der Lage sein,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=