Handbuch 5. Auflage

1566 Wöhrle  Aktuelle Diskussionslinien Nach wie vor existiert eine Position, die in Steue- rungsfragen neben fachlichen Entscheidungen keine weiteren zulassen will. Sozialmanagement wird eher als Zumutung gesehen, da das Zentrum dieser Position durch professionelle Identität und fachliche Autonomie gebildet wird (2007, 333 ff.). Die differenziertere Kritik besagt, dass im manage- riellen (in Abgrenzung zum professionellen) Hand- lungsmodus und seiner Ausrichtung am betriebli- chen Erfolg Gefahren für die Soziale Arbeit und ihre Leistungsfähigkeit für das Klientel stecken. Durch „bürokratische Formen von Kooperation und Kontrolle der Arbeit“ („Managerialismus“) und durch marktförmige Handlungsformen („Kon- sumerismus“) könne die Professionalität und das gute Resultat im Interesse der Klienten überformt werden. Das produktive Spannungsverhältnis zwi- schen Profession und Organisation könne durch „charismatische Herrschaft“ des Managements und „sinnstiftende Ideologien“ (Corporate Identity, Leitbild) sowie gezielte Personalentwicklung zur Seite der Organisation aufgelöst und ein neuer Typ des Professionellen („organizational professiona- lism“) geschaffen werden (Beckmann et al. 2009). Dort, wo die Einführung von (Als-ob-)Markt- mechanismen untersucht wird, stellen sich nicht automatisch die befürchteten Aspekte ein. Dahme und Wohlfahrt bemerken, dass die neuen Steue- rungsformen keineswegs zu einer Angleichung so- zialpädagogischer Dienstleistungsformen an die marktwirtschaftlichen führen, vielmehr dienten diese „primär der Reflexion zielgerichteter berufli- cher Interventionen und der Organisationspraxis“ (Dahme /Wohlfahrt 2003, 47). Mit Kessl (2009, 42 ff.) können verschiedene Vermutungen ange- stellt werden: Führt die sozialpädagogische Praxis gegenüber den Steuerungsmechanismen ein gewis- ses Eigenleben? Oder gestaltet die sozialpädagogi- sche Professionalität gar die neuen Steuerungs- ansätze mit und richtet sie produktiv, zunehmend passend zur Praxis aus? Insbesondere die letzte Frage ist spannend, denn sie führt aus der veralte- ten Konfrontation von Fachlichkeit Sozialer Arbeit kontra Management heraus. Hierfür muss dann al- lerdings eine Position eingenommen werden, wie sie an den meisten Fakultäten, die Studiengänge des Sozialmanagements anbieten, anzutreffen ist. Organisationen, die Soziale Arbeit erbringen und sozialpädagogische / sozialarbeiterische Professio- nalität müssen in ihrem Praxisgehalt und ihrer Wirkung als konstitutiv miteinander verbunden betrachtet werden (Ortmann 2005, 286). Deshalb sollte Ausbildung und Forschung mit der Praxis unter der Entwicklungsperspektive kooperativ be- trieben werden. Das Ziel sollten gute Ergebnisse (best practice) im Interesse der Klienten sein. Hier- für bedarf es der Schaffung problemangemessener Strukturen in den Organisationen und der Verbes- serung der Steuerungsprozesse in einer Form, die den fachlichen Erbringungsvollzügen angemessen ist, sowie einer Weiterentwicklung professioneller Methoden gleichermaßen. In den jüngeren Bestandsaufnahmen weitet sich der Blickwinkel, indem theoretische Ansätze der Organisationssoziologie, -psychologie und Ma- nagementlehre als anschlussfähig an Auffassungen in der Theoriebildung der Sozialen Arbeit erkannt werden. Lehrbücher (Grunwald / Steinbacher 2007; Merchel 2005; Wöhrle 2003; 2005) gehen von einem Organisationsverständnis jenseits der Maschinenmodelle Taylors oder des Bürokratie- modells eines Max Webers aus. Organisationen er- scheinen als systemische Gebilde und als Kulturen. Es werden ethisch-moralische Kategorien einbezo- gen, Organisationen werden als lernende Gebilde betrachtet, und ein darauf gerichtetes Management hat geringe Chancen, unter einem funktionalen Aspekt durchzuregieren. Vielmehr hat es als Dauer- aufgabe, die Balance zwischen fachlichen – inklu- sive der ethischen – Anforderungen und der öko- nomischen Sicherung der Organisation – inklusive der Erhaltung der Beschäftigtenverhältnisse – zu halten. Die Betrachtung von Handlungsvollzügen im Rahmen des Sozialmanagements einerseits und denen in Handlungsansätzen der Sozialen Arbeit andererseits scheinen kompatibel zu werden. Die Auseinandersetzung mit einer angemessenen Steuerung der Organisationen der Sozialen Arbeit rückt damit ins Zentrum des Interesses. Es ist zu prüfen, ob es Managementkonzepte gibt, die Füh- rungs- und Steuerungskonzepte ausgebildet haben, mit denen die „autonomen“ Interessen der Sozialen Arbeit angemessen berücksichtigt werden. Den hier skizzierten Forschungsweg verfolgt ein For- schungsprojekt an der Hochschule für Soziale Ar- beit und Wirtschaft Luzern. Die in der Schweiz existierenden Management-Modelle für den öf- fentlichen und den Nonprofit-Sektor sollen im

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