Handbuch 5. Auflage

158 Nestmann · Sickendiek  kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen (z. B. in Familienformen, Geschlechterrollen, in der Arbeitswelt und Ökonomie) mit der jeweili- gen Problemstellung aktiv zu verknüpfen und in der Beratung mitzuthematisieren – anschlussfähig und abgestimmt auf die erzählten Sinnstrukturen und Erfahrungen der Ratsuchenden und nicht als ferne Metanarration über die Gesellschaft im All- gemeinen. Ressourcen- und netzwerkorientierte Beratung Als Konkretisierung einer stärkeren Kontextorien- tierung kann das ressourcen- und netzwerkorien- tierte Konzept der Beratung gelten. Theoriediskurse wie empirische Erkenntnisse der Gemeindepsycho- logie ( community psychology ) und Gemeinwesen- arbeit haben dazu angeregt. Ressourcenorientierung hat sich als Schirmbegriff für Perspektiven durch- gesetzt, die ein Schwergewicht auf die bei den Rat- suchenden und in ihren sozialen Umwelten vor- handenen Kräfte und Stärken legen. Materielle Ressourcen, soziale Beziehungen, persönliche Wis- sensbestände und Kompetenzen sowie deren För- derung und (Wieder-)Gewinnung stehen imMittel- punkt des Interesses (Nestmann 2007b). Die gemeindepsychologische Diskussion fasst diese Stra- tegien unter dem Begriff des Empowerment (Rap- paport 1987; Stark 2007). Stärker defizitorientierte Perspektiven ließen zu- meist unberücksichtigt, dass Ratsuchende bereits eigene Anstrengungen unternommen haben, um ihre Schwierigkeiten zu bewältigen, und oft über Jahre Erfahrungen im Umgang mit ihrer spezi- fischen Situation und Problemlage gesammelt ha- ben, bevor sie sich an professionelle Beratung wen- den. In einer ressourcenorientierten Perspektive werden deshalb die Hindernisse, welche die Wirk- samkeit bewährter Bewältigungsmuster beein- trächtigen, zum Gegenstand der Beratung. Es wird analysiert, welche Fähigkeiten und Unterstützungs- quellen ausbaubar, qualifizierbar und (re-)aktivier- bar sind (Kelly 1988). Die Ressourcenorientierung setzt – mit Rückgriff auf Netzwerkforschung und soziale Unterstützungsforschung (Röhrle 1994; Nest- mann&Projektgruppe 2002; Nestmann et al. 2008) – zudem auf die Aktivierung solidarischer Unterstützungsmöglichkeiten durch Angehörige, Freunde und Freundinnen oder durch organisierte (Selbsthilfe-)Gruppen und Zusammenschlüsse von alltäglichen Helfer(inne)n (und möglicherweise ebenfalls Betroffenen). Die Netzwerkforschung weitet also den Blickwinkel der Problembewälti- gung auf das soziale Umfeld der Ratsuchenden und dessen Unterstützungspotenziale aus – wohl wis- send, dass es auch belastende und konfliktreiche soziale Beziehungen gibt, die eher zur Stabilisie- rung von Problemen beitragen mögen (Pearson 1997). Berater(innen) begreifen sich hier nicht als alleinige wirkmächtige Helfer(innen), sondern eher als För- derer und Förderinnen eines Unterstützungsnetzes im Alltag. Diversität in der Beratung Mit dem Begriff der Diversität verknüpft sich eine quer zu allen Beratungsansätzen liegende konzep- tionelle Frage: Wie sehr sind Theoriekonzepte und Praxisausformungen des Beratens geprägt durch Geschlechterrollen bzw. soziales Geschlecht ( gen- der ), durch kulturelle Zugehörigkeit zu weißen, westlichen Mittelschichtsmilieus mit entsprechen- dem Bildungs- und Sozialstatus, durch Lebensalter und Generation oder durch andere Dimensionen unserer gesellschaftlichen Einbindungen (Gemende et al. 2007)? Von der Geschlechterfrage in der psy- chosozialen Versorgung ausgehend waren es an- fangs feministische Konzepte, die einen kritischen Blick auf die soziale Praxis der Medizin, Psycho- therapie, Beratung und Sozialarbeit sowie Bildung richteten und frauenfeindliche Strukturen und Pro- zesse identifizierten (z. B. das Pathologisieren sozia- lisationsbedingter weiblicher „Emotionalität“ oder bestimmter Beziehungsmuster von Frauen, das Medikalisieren physiologischer Veränderungen des weiblichen Körpers etc.) (Großmaß / Schmerl 2004; Sickendiek /Nestmann 2001). Zum einen ergaben sich aus der Identifizierung einer diskriminierenden Theorie und Praxis auffällige Parallelen zu verbrei- teten professionellen Sichtweisen auf kulturell an- dere, d. h. auf Klient(inn)en nicht weißer Haut- farbe, nicht ursprünglich „westlicher“ Herkunft, nicht christlich geprägter Weltanschauung etc. (z. B. imHinblick auf vermeintlich übergroße fami- liale Bezogenheit, irrationale Handlungsmuster etc.). Zum anderen kamen und kommen mit einer

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