Handbuch 5. Auflage
Sozialpädagogische Forschung 1573 Hornstein zur Gegenstandsbestimmung der For- schung der Sozialen Arbeit, nämlich, „wie sich die Praxis mit den durch den Wandel erzeugten Pro- blemlagen auseinandersetzt (Hornstein 1998)“ (Schefold 2005, 885). Damit bildet die Praxisfor- schung das Zentrum, was in den Stichworten oben deutlich zum Ausdruck kommt. Auftragsforschung und (Selbst-)Evaluation sind so gesehen zentrale Bestandteile der Forschung der Sozialen Arbeit. Völlig unterbelichtet bleibt hier die Theoriebildung bzw. der Zusammenhang mit dem Wissenschafts- system. Als Frage formuliert: Ist Datenerhebung gleichbedeutend mit der Erzeugung von (wissen- schaftlichem) Wissen? Als gegengerichtetes Beispiel stellt sich Hamburger die Frage nach der Bedeutung von Praxisforschung und mithin die Frage, ob sie das Zentrum der For- schung der Sozialen Arbeit sein kann (Hamburger 2005). Er beschreibt Forschung und Praxis als dif- ferente soziale und kognitive Systeme, die eine Be- ziehung zueinander bilden (müssen) und nennt einige Elemente, in denen sich diese Beziehung realisiert (u. a. Aus- und Weiterbildung, Veröffent- lichungen, Beratung, Praxisforschung). Er fragt nach den Möglichkeiten der Verknüpfung von Forschung und Handeln durch Praxisforschung und weist auf grundlegende Schwierigkeiten dieser Versuche hin. Die Schlussfolgerung, die Hambur- ger zieht, ist: „Der Verzicht auf Praxisforschung oder die Behauptung, dass sie allein als angemesse- nes Forschungskonzept gelten kann“ (Hamburger 2005, 46). Während der zweite Teil der Schluss- folgerung sowieso selbstverständlich ist, ist der erste Teil gravierend: Praktisch alles, was Schefold in Anlehnung an Hornstein als den Kern der For- schung der Sozialen Arbeit beschrieben hat, würde damit aus dem zumindest in quantitativer Hinsicht ansehnlichen Portfolio herausfallen. Die Praxisfor- schung wandert vom Zentrum an die Peripherie. Das Zentrum ist hier die wissenschaftliche Theo- riebildung, die sich aus praktischen Fragestellun- gen „bescheiden“ (Cleppien /Hamburger 2008, 73) heraushalten soll. Eine weitere Typologie hat Thole in den Diskurs eingebracht (Thole 2005, 39). Er unterscheidet Disziplinforschung, Professionsforschung und Pra- xisforschung. Die Systematik beinhaltet weiterhin die Dimensionen Forschungsintention, Wissens- dimension, Praxisbezug und Theoriebezug. Wenn man das im Einzelnen durchdekliniert, dann zielt die Praxisforschung auf die Optimierung der Pra- xis, es entsteht konkretes Handlungswissen, der Praxisbezug ist hoch und der Theoriebezug nied- rig. Und umgekehrt dient die Disziplinforschung der Theoriegenerierung, es entsteht wissenschaftli- ches Wissen, der Praxisbezug ist eher niedrig und der Theoriebezug eher hoch. Die Professionsfor- schung bewegt sich irgendwo dazwischen. Diese Systematik ist auf den ersten Blick einleuch- tend: Die Seite der Nützlichkeit wird mit der Pra- xisforschung bedient, die Seite der Wissenschaft mit der Disziplinforschung. Durch diese integra- tive Typologie wird das Feld in all seiner Buntheit und Perspektivenvielfalt eingefasst. Durch die un- terschiedlichen Gewichtungen entstehen zwar un- terschiedliche Formen, aber im Gesamten sind alle Aufgaben damit abgedeckt. Denn irgendwo scheint es unstrittig zu sein, dass die Forschung der Sozia- len Arbeit mit Theoriebildung und Praxisentwick- lung bzw. Professionalisierung zu tun hat. Die grundlegenden erkenntnistheoretischen Pro- bleme, die Hamburger anspricht, sind damit aller- dings nicht gelöst. Und man zieht mit einer so auf- gebauten Systematik unwillkürlich einen jener famosen feinen Unterschiede ein: Die eigentliche Forschung ist die Disziplinforschung, weil sie sich auf Theorie bezieht und deshalb wissenschaftlich ist. Oder umgekehrt: Die eigentliche Forschung ist Praxisforschung, weil sie der Praxis dient und nütz- lich ist. Damit sind wir also eigentlich keinen Schritt weiter. Das Problem, das sich m. E. hinter den hier nur sehr kurz skizzierten Versuchen verbirgt, die For- schung der Sozialen Arbeit typologisch einzukrei- sen, hat sehr viel mit Wissenschafts- und Erkennt- nistheorie zu tun, die in fast allen Beiträgen zur Forschung der Sozialen Arbeit einen auffallend ge- ringen Stellenwert hat bzw. gar nicht vorkommt. Vieles, was dann als Forschung bezeichnet wird, ist eigentlich Datenerhebung mit Hilfe von For- schungsmethoden im Praxiskontext. Um diesen letzten Satz nachvollziehbar zu machen, um zeigen zu können, was der Unterschied zwischen Daten- erhebung und Forschung ist, und um von da aus bestimmen zu können, was Forschung der Sozialen Arbeit ist, ist also eine Auseinandersetzung mit ei- nigen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen unumgänglich.
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