Handbuch 5. Auflage

1574 Sommerfeld  Was ist Forschung? Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen Es sind im Prinzip dieselben Fragen offen, die Rau- schenbach /Thole 1998 bereits aufgelistet haben, die hier nur kursorisch zusammengefasst werden (Rauschenbach /Thole 1998a, 12 ff.): Was ist For- schung, wo verwandelt sich wissenschaftliches Ar- beiten in Forschung, gibt es eine systematische Differenz zwischen Theorie und Forschung, wie geht die Disziplin mit der Forschung um, wie ist das Verhältnis der Forschung zur Praxis einzuschät- zen, wie wird geforscht, d. h. was sind sozialpädago- gische oder sozialpädagogisch relevante Forschungs- methoden, fachlich vertretbare Forschungsdesigns, gegenstandsangemessene Forschungszugänge? Die ungeklärten Fragen, wie sie oben aufgelistet wurden, müssen als eine Problematik der Disziplin angesehen werden, die nicht auf der Ebene zu klä- ren ist, auf der der Diskurs gemeinhin stattfindet. Die Erkenntnistheorie wird implizit vorausgesetzt und damit wird die Ebene der wissenschaftstheo- retischen Selbstthematisierung verlassen, die Vo- raussetzung für die Beantwortung der oben ge- nannten Fragen ist. Bevor also ein Antwortversuch in Bezug auf die Soziale Arbeit unternommen wer- den kann, sind im Folgenden die allgemeinen er- kenntnistheoretischen Bezüge zu explizieren, auf die sich der später folgende Antwortversuch bezieht (für eine ausführlichere, ähnlich gelagerte Darstel- lung z. B. Kron 1999). Die grundlegende Frage dabei ist: Was ist Wissen und wie entsteht es? Menschen sind insofern ein Sonderfall der biologi- schen Evolution, als sie aufgrund der Entwicklung des Gehirns in einer Art und Weise erkenntnisfähig geworden sind, die sie in ein besonderes Verhältnis zur Welt stellt. Die philosophische Anthropologie (Plessner 1975, 1976) beschreibt diesen Tatbestand u. a. mit den Begriffen der „exzentrischen Positio- nalität“ und der „vermittelten Unmittelbarkeit“ und präzisiert, dass die Menschen ein Verhältnis zur materiellen „Umwelt“, zur sozialen „Mitwelt“ und zu ihrer jeweils eigenen „Innenwelt“ herstellen müssen. Im Begriff des Herstellens einer Beziehung zur Welt, in der Wissen über diese Welt entsteht und zugleich die weitere Beziehungsgestaltung zur Welt zirkulär strukturiert, liegt die ganze Proble- matik der menschlichen Erkenntnisfähigkeit be- reits auf dem Tisch. Wissen ist nicht einfach da, sondern entsteht durch aktive Auseinandersetzung (dazu z. B. Piagets „genetische Epistemologie“, Piaget 1974) mit der immer schon daseienden Welt. Diese Auseinandersetzung ist grundsätzlich sozio-kulturell überformt. Der Begriff „Sozialisa- tion“ beschreibt diesen Tatbestand. Der soziale Prozess der Herstellung eines Verhältnisses zur Welt ermöglicht und begrenzt den individuellen Bildungsprozess und damit den überhaupt mögli- chen Erkenntnishorizont. Da es sich um vermittelt unmittelbare Erkenntnisprozesse handelt, ist die Grenze zwischen Irrtum oder Täuschung und Wahrheit grundsätzlich schwer zu bestimmen. Menschliche Erkenntnisse sind sowohl in phyloge- netischer als auch in ontogenetischer Hinsicht stark gekoppelt mit Tätigkeit. Auge und Hand und deren Zusammenspiel auf der Basis emotionaler Energetisierung (Lustprinzip bei Freud 1972; Be- dürfnisspannungen bei Obrecht 2009) sind die Grundlagen des menschlichen Zugangs zur Welt. Noch einmal anders formuliert: Menschliches Er- kennen läuft über die aufeinander bezogene Be- obachtung und Gestaltung von Welt in zirkulären Prozessen des Erkennens und Handelns und der darauf bezogenen emotio-kognitiven Strukturbil- dung im Gehirn. Von Weizsäcker beschreibt in seiner Theorie des „Information Processing“ diese Zirkularität als „Kreisgang“ (Weizsäcker 1992). Voraussetzung dafür ist, dass Menschen aus Ver- haltensketten heraustreten können, wie beispiels- weise G.H. Mead herausgearbeitet hat, und dass insofern Handeln im Sinne eines erkenntnis- gestützten Tuns möglich wird. Wissenschaft ist der Versuch, die (systematisch be- grenzten) menschlichen Erkenntnismöglichkeiten zu erweitern. Sie macht sich den letztgenannten Tatbestand zu Nutze, indem sie zunächst ganz aus dem unmittelbaren Handeln heraustritt und zu- gleich eine neue soziale Praxis konstituiert (Stich- weh 1994), die als erstes Strukturprinzip die zeitli- che Dehnung des Erkenntnisprozesses einführt. Diesem Strukturprinzip dient die Handlungsent- lastung der Wissenschaft. Das zweite Struktur- prinzip ist die Einführung des Leitideals der Wahr- heit. Grundsätzlich geht es darum, die Welt und alle ihre Komponenten so zu erkennen, wie sie sind. Im Bewusstsein der gleichwohl gegebenen Begrenzung menschlicher Erkenntnisfähigkeit führt die Wissenschaft Regeln ein, die versuchen, dieser Begrenztheit Rechnung zu tragen und sie zugleich ein Stück weit hinauszuschieben. Diese

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=