Handbuch 5. Auflage
Sozialpädagogische Forschung 1575 Regeln sind allseits bekannt: Explikation des Standortes / der Perspektive, damit explizite Be- zugnahme auf andere Perspektiven, Nennen der Referenzen, Explikation des Erkenntnisweges und der daraus hervorgegangenen Ergebnisse, logische Konsistenzanforderungen an Argumentation und Theoriebildung. Diese Regeln dienen dem dritten Strukturprinzip, nämlich der Einführung des Dis- kurses zur „sozialen Objektivierung“ der jeweils ausgearbeiteten Beiträge. Der Modus dieses Dis- kurses ist Kritik, also das genaue Hinschauen und Überprüfen der jeweils aktuell angebotenen Er- kenntnisse. Kritik wiederum setzt die Kenntnis- nahme voraus. Damit entsteht ein Diskurszusam- menhang,dermitderZeitzueinerSystematisierung der Erkenntnisse in Bezug auf einen bestimmten Realitätsausschnitt führt und damit Erkenntnis- fortschritt weit jenseits von immer neuen Versuch- Irrtum-Ketten ermöglicht. Es entsteht in den dis- kursiven „Kreisgängen“ ein Korpus gesicherten oder mindestens als gesichert geltenden Wissens, das vorwiegend in den Theorien eines Faches ge- speichert ist, und das neue Erkenntnisprozesse in- sofern strukturiert, als darauf bezogen Fragen und Kritik formuliert werden. Forschung ist ein Teil dieser wissenschaftlichen Praxis. Theoriebildung und Forschung sind die zwei Seiten der einen Medaille. Das Eine ist die Theoriebildung, also verkürzt gesagt die beschrei- bende und erklärende Modellierung von Welt bzw. meistens kleiner Ausschnitte davon. Diese beruht, wenn man sie für sich betrachtet, auf den jeweils eigenen Erfahrungen und Beobachtungen einzel- ner WissenschaftlerInnen und unterscheidet sich von Alltagsbeobachtungen und Alltagstheorien nur durch die Kenntnis und die Bezugnahme auf bis dahin bereits von anderen geleistete Modellierun- gen und durch den Grad der Elaboriertheit. Das ist nicht wenig, aber die Wissenschaft gewinnt mit dem Heraustreten aus den unmittelbaren Hand- lungsvollzügen nicht nur Zeit, sondern auch eine (in mancherlei Hinsicht) privilegierte Beobach- tungsposition. Das ist wiederum in sich ein Ge- winn. Der entscheidende Punkt ist aber, dass die Wissenschaft das Verfahren der Beobachtung von Welt selbst verbessert, und dass sie Beobachtungs- instrumente, Datenerhebungsmethoden und ana- lytische Verfahren entwickelt hat, wie in Daten Zu- sammenhänge sichtbar gemacht werden können. Dies erweitert die menschlichen Erkenntnismög- lichkeiten noch einmal erheblich und dies bietet neue Möglichkeiten, ein Verhältnis zur Realität herzustellen. Erst mit der Erfindung des Mikro- skops z. B. erschließen sich neue Zusammenhänge in Bezug auf ansteckende Krankheiten und können bis dahin entwickelte Modellierungen (Theorien über die Entstehung bestimmter Krankheiten) überprüft und dann auch endgültig verworfen werden. Oder dass Kinder aus unteren Schichten im Bildungssystem benachteiligt werden, wird erst mit Hilfe der Statistik, einer Art Makroskop, „sichtbar“. Und von dort aus können dann wieder Modellierungen über die Zusammenhänge ent- wickelt werden, die dieses mittlerweile gut be- schriebene Faktum erklären. Forschung ist also der instrumentelle und metho- disierte beobachtende Teil der Wissenschaft zur Fest- stellung von Sachverhalten. Von Anfang an hat die Forschung zwei Funktionen, zu denen es jeweils unterschiedliche wissenschaftstheoretische Positio- nen gibt (u. a. kritischer Rationalismus und Her- meneutik), die zwei unterschiedliche Erkenntnis- modi darstellen: Entdecken und Überprüfen . Da wir wissen, dass wir die Welt mit unseren Erkenntnis- möglichkeiten nur vermittelt und in der Form ei- ner „künstlichen Horizontverengung“ (Plessner) erkennen können, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um naturwissenschaftlich oder sozial- wissenschaftlich interessierende Phänomene han- delt, bleibt die klassische Entdeckerfrage stets viru- lent: Was liegt hinter dem Horizont? Der Modus des „Entdeckens“ stellt die Neugier in den Vorder- grund. Entdeckungen sind aber auch die wirk- samste Kritik an bisherigen Theorien und geben grundsätzlich Anlass für neue Modellierungen. Der andere Zugang ist „Überprüfen“. In diesemModus wird die Wahrheitsfrage betont, denn es geht da- rum, mittels der Forschung, also mittels systemati- scher und kontrollierter Beobachtung, zu über- prüfen, ob die Bilder, die Modelle, die Theorien, die wir in Bezug auf die Welt gemacht haben, zu- treffen oder nicht. Die Forschungsmethoden bezie- hen sich auf die wissenschaftstheoretischen Para- digmen und betonen entsprechend den dort gegebenen Antworten eher den Entdeckungs- oder den Überprüfungszusammenhang. „Der quantitativen Tradition werden in der Regel solche Forschungen zugerechnet, in denen man theoretisch abgeleitete Hypothesen aufstellt und prüft. (…) Als
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