Handbuch 5. Auflage

1576 Sommerfeld  qualitativ werden gewöhnlich Forschungen bezeichnet, in denen es weniger um die Überprüfung bestehender, sondern eher um die Entdeckung neuer theoretischer Konzepte geht“ (Seipel / Rieker 2003, 13). Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass Forschung, egal an welchem dieser großen Paradigmen sie sich orientiert und welche Methoden sie auswählt, um ihre Fragen zu bearbeiten, eine Verknüpfung zwi- schen theoretischen Überlegungen und empiri- schen Daten herstellt. Jegliche Forschung folgt da- her einem realistischenWeltbild in dem Sinne, dass sie eine prinzipielle Erkennbarkeit von Welt vo- raussetzt und eine Korrespondenz zwischen Er- kenntnis und Realität, vermittelt über empirische Daten, herzustellen anstrebt. Wie oben bereits mehrfach angerissen, ist die menschliche Erkenntnisgewinnung zutiefst darin angelegt, dass Menschen ihr Leben führen müssen. Petzold beschreibt die Evolution der menschlichen Kulturen als eine Dynamik, die durch das Zu- sammenspiel von „Neugierde“ und „Poiesis“ (Le- bens- und Weltgestaltung) angetrieben wird (Pet- zold 2008, 357). Wissen entsteht auch in dieser Perspektive einerseits aus der individuellen und kollektiven Erkenntnissuche sui generis und aus dem Lösen praktischer Probleme zur Gestaltung der Lebensverhältnisse. Neben den beiden Modi „Entdecken“ und „Überprüfen“ gibt es also immer schon den Modus der Erkenntnisgewinnung, der unmittelbar mit „Gestalten“ zusammenhängt. Das bedeutet einerseits, dass das Wissen über die Be- schaffenheit der Welt, das mit den Modi „Ent- decken“ und „Überprüfen“ sowie der Verknüpfung der so gewonnenen empirischen Daten mit be- schreibenden und erklärenden Theorien gewon- nen werden kann, auch für praktische Zwecke ge- nutzt werden kann. Dies wird normalerweise, so auch z. B. bei Hamburger (2005), unter dem Be- griff des „Wissenstransfers“ verhandelt und ist so- weit unstrittig. Es bedeutet aber andererseits, dass die Fragestruktur: „Was ist zu tun, um ein prakti- sches Problem x zu lösen?“ einen Erkenntnisweg eigener Qualität schafft. Argyris und seine Mit- arbeiter (Argyris et al. 1990) haben in Fortschrei- bung des amerikanischen Pragmatismus (z. B. Hampe 2006) und insbesondere in der Nachfolge von Lewin und Dewey herausgearbeitet, wie je nach Erkenntnismodus („Überprüfen“, „Ent- decken“ oder „Gestalten“) sehr unterschiedliche Fragen, Methoden und Ergebnisse entstehen, die jeweils nur in dem jeweiligen Modus realisiert werden können. Jenseits wissenschaftstheoretischer Positionen ist der genannte Typus der Fragestruktur an den Fa- kultäten der modernen Universitäten von Anfang an in der Form der „Handlungswissenschaften“ oder „angewandten Wissenschaften“ konstitutiv vertreten. Die Medizin ist das Paradebeispiel einer Handlungswissenschaft, die der Frage nachgeht: Was kann ein Arzt tun, um beim Auftreten einer Erkrankung x zu helfen, also den Heilungsprozess zu befördern oder erhebliche Folgen einer Erkran- kung zu lindern? Die wissenschaftliche Medizin handelt so wenig wie die Soziologie, aber sie be- schäftigt sich mit praktischen Fragestellungen, die sie in wissenschaftliche Fragestellungen transfor- miert und wissenschaftlich bearbeitet. Diese kurze Beschreibung definiert, was unter „Handlungswis- senschaft“ zu verstehen ist (ausführlich Staub-Ber- nasconi 2007b; grundlegend Bunge 1985). Mit der Fragestruktur „Was ist zu tun, um das Ergebnis x zu erzielen, den Zustand y zu verändern oder die Situation z zu gestalten?“ entstehen Theo- rien einer besonderen Art. Bunge und beispiels- weise dessen Rezipienten Patry / Perrez im Bereich der klinischen Psychologie (Bunge 1985; Pa- try / Perrez 1982) unterscheiden deshalb drei Sor- ten wissenschaftlichen Wissens: (durch Forschung generiertes) Faktenwissen (wie z. B. zu Folgen so- zialer Ungleichheit auf Bildungskarrieren), nomo- logisches Wissen (überprüfte, erklärende Theorien, welche die Zusammenhänge oder Gesetzmäßig- keiten erfassen, die dazu führen, dass aus sozialer Ungleichheit Benachteiligung in Bezug auf Bil- dung entsteht) und technologisches Wissen (über- prüfte Theorien, die Aussagen darüber machen, was zu tun ist, wenn die Effekte sozialer Ungleich- heit im Hinblick auf Bildung minimiert oder auch maximiert werden sollen, je nach Wertebezug, der für diese Art von Wissen eine notwendige und nicht hintergehbare Bezugsgröße darstellt). „Tech- nologien“ sind also wissenschaftliche Aussagen über Zweck-Mittel-Relationen. Als Typus wissen- schaftlichen Wissens müssen sie, auch wenn ein Verfahren oder eine Methode ursprünglich mögli- cherweise aus der unmittelbar praktischen Pro- blemlösung hervorgegangen ist, drei bis vier Krite- rien erfüllen: a) sie beruhen auf einer theoretischen, wissenschaftlich geprüften oder zumindest über-

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=