Handbuch 5. Auflage
1578 Sommerfeld Rauschenbach Bezug genommen (z. B. Schweppe / Thole 2005): „Vor dem Hintergrund der zentralen sozialpädagogischen Theoriedebatten der letzten Jahrzehnte wird davon aus- gegangen, dass das sozialpädagogische Forschungsfeld anhand von drei „Eckpunkten“ aufgespannt werden kann: (1) den zuständigen Institutionen , (2) den in ihnen tätigen Professionellen bzw. beruflich oder ehrenamtlich Tätigen sowie (3) den Adressatinnen und Adressaten “ (Lüders / Rauschenbach 2005, 564). Die Bestimmung dessen, was die Forschung der Sozialen Arbeit zum Gegenstand hat, ist also nicht jenseits der Theorien des Faches möglich. Die Frage nach einer „genuin sozialpädagogischen For- schung“ ist damit beantwortet, allerdings in einer notwendig offenen Form. Die genuin sozialpäd agogische Forschung bearbeitet Fragen, die im Zu- sammenhang mit der Modellierung von Welt, wie sie in den Theorien der Sozialen Arbeit vorgenom- men wird, entstehen. Da der Plural darauf hin- weist, dass es nicht nur eine Theorie und so gesehen Auffassung von Sozialer Arbeit gibt, ist das „genuin sozialpädagogische“ unter Umständen heterogen. Dass trotzdem ein Konsens über diese „Eckpunkte“ erzielt werden kann, deutet darauf hin, dass sie zu keiner der gültigen Theorien des Faches in Wider- spruch stehen, und das heißt, dass es sich sehr wahrscheinlich um „Strukturmomente organisier- ter Sozialer Arbeit“ handelt (Flösser 1994, 30), die in ihrer Allgemeinheit kaum zu bestreiten sind. Es sei an dieser Stelle gleichwohl auf eine Variation des so aufgespannten Forschungsfeldes hingewie- sen, die den Zuschnitt noch einmal etwas anders setzt, woraus sich eine in meinen Augen theoretisch weiterführende Systematik ergibt, die in diesem Sinne geprüft und debattiert werden muss. Aus ei- ner an Abbott (Abbott 1988) angelehnten professi- onstheoretischen Sicht, in Verbindung mit dem hier vertretenen wissenschaftstheoretischen Ver- ständnis der Sozialen Arbeit als Handlungswissen- schaft, bilden nicht die Professionellen den einen Eckpunkt, sondern das professionelle Handeln und das Wissen der Profession, das sich in diesem Handeln realisiert. Deshalb gehören hierzu insbe- sondere die professionellen Verfahrensweisen (Me- thoden /Theorien über Wirkungsweisen / Zweck- Mittel-Wissen) und Wissen über die damit erzielbaren Ergebnisse (Wirksamkeit). Den zweiten Eckpunkt bilden die Bedingungen, unter denen sich dieses Handeln realisiert, und zwar auf der Ebene der Gesellschaft (Politik /Gesetzgebung und Öffentlichkeit) wie ganz zentral der Organisation (Arbeitsplatz). Drittens wären die KoproduzentIn- nen zu nennen, also nicht nur, wenngleich promi- nent, die Adressaten und Adressatinnen, sondern auch andere Beteiligte im Problemlösungsprozess, insbesondere auch Angehörige anderer Professio- nen und ehrenamtlich sozial Tätige (zu diesem systematisch und theoretisch anders geschnittenen Verständnis des Gegenstands der Forschung der Sozialen Arbeit Sommerfeld 1998, 185). Das so umrissene Forschungsfeld umfasst den ge- samten professionellen Problemlösungsprozess, wie er idealtypisch sowohl bei Abbott als auch in systematischer Absicht bei Sidler (Sidler 2004) zu finden ist. Er setzt sich zusammen aus der Pro- blemkonstitution oder dem Verstehen der „Pro- blemgenese“ (Hornstein 1998), inklusive der Ver- fahren der Sozialen Arbeit, wie sie das Problem kodiert und konstruiert (Diagnostik / Fallverste- hen), der Problembearbeitung, inklusive des Wis- sens und der Verfahren bzw. Methoden, die dafür faktisch zum Einsatz kommen, sowie die Evalua- tion der Ergebnisse (im Hinblick auf ihre Wirk- samkeit und ihre Angemessenheit). Sidler bietet noch ein weiteres wichtiges Element, auf das auch Maier, wenngleich in anderem Zuschnitt, immer wieder hinweist (Maier 2009a): Die Werte und die Ziele, die mit dem professionellen Problemlö- sungsprozess verbunden sind, bedürfen einer ge- sonderten Beachtung. Diese können nicht wissen- schaftlich bestimmt werden, aber die Wissenschaft kann sich an den dazu notwendigen „teleologi- schen“ (letztlich normativen) Diskursen beteiligen, indem sie die Zielsetzungen und Wertebezüge der Praxis beschreibt, diskutiert und ggf. kritisiert. Dabei ist zu beachten, dass die genannten drei Eck- punkte ein Feld kennzeichnen, in dem diese Eck- punkte nicht isoliert voneinander existieren, son- dern miteinander verwoben sind und die Komplexität dieser Realität konstituieren. Die For- schung der Sozialen Arbeit ist genötigt, sich mit dieser Komplexität auseinanderzusetzen. Das macht sie spannend und anspruchsvoll. Mit der hier vorgeschlagenen Modellierung des For- schungsfeldes wird die Erforschung der Praxis in dem damit formulierten weiten Verständnis von Bedingungen, Handeln und Koproduktion also
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