Handbuch 5. Auflage
Beratung 159 großen Zahl von Klient(inn)en aus Migrationskon- texten (u. a. Armuts- und Kriegsflüchtlinge, Gast- arbeiterkinder der zweiten und dritten Generation, politische Exilant(inn)en) neue Anforderungen an das Wissen über fremde Lebenswelten und Lebens- lagen auf Berater(innen) quer durch fast alle Praxis- felder zu. Aus den englischsprachigen Einwande- rungsländern kam der Begriff der Diversität (Hays 1996) für psychosoziale und sozialpädagogische Ar- beit. „Counselling in Diversity“ ist inzwischen ver- bindlicher Bestandteil angloamerikanischer Bera- tungsausbildungen und -studiengänge. Als besonders heikel gilt die Frage der kulturellen Diversität in der Beratung, wenn mehrere Dimen- sionen gesellschaftlicher Diskriminierung kumu- lieren, z. B. eine sichtbare Behinderung mit der Herkunft aus einer Zuwandererfamilie, und wenn sich deutliche Statusdifferenzen zwischen Bera- ter(in) und Klient(in) ergeben. Als wichtigste Di- mensionen von Diversität in der Beratung können hierzulande das Geschlecht, ■ ■ das Lebensalter oder die Generationskohorte, ■ ■ die kulturelle Zugehörigkeit und Hautfarbe, ■ ■ der Bildungsstand und soziale Status, ■ ■ die weltanschauliche Einbindung, ■ ■ die sexuelle Orientierung und ■ ■ die Dimension von Nichtbehinderung bzw. Behin- ■ ■ derung betrachtet werden. Beratung läuft immer Gefahr einer diskriminierenden Praxis, wenn solche Un- terschiede nicht reflektiert werden oder wenn be- stimmte Vorannahmen z. B. über religiös-welt- anschauliche Einbindung eine offene Beratungs- beziehung hemmen. Ein häufig wiederkehrender Aspekt in vielen Beratungsfeldern – gerade auch der Sozialen Arbeit – ist z. B. im Unterschied zu eher individualistischen Lebensweisen eine kollek- tivistischere Orientierung auf Familie und weiteres soziales Netz in „östlichen“ Herkunftskulturen (z. B. muslimischen Arbeiterfamilien). Für Berater(innen) ist (a) kulturell offene Selbst- reflexivität, (b) die Kompetenz, beziehungsstörende Wahrnehmungen, Vermutungen oder Sachverhalte anzusprechen, und (c) eine grundlegend wertschät- zende Haltung „anderen“ gegenüber letztlich noch relevanter als ein detailreiches Wissen über andere Kulturen, Religionen, Bildungsmilieus, sexuelle Orientierungen etc. (Mecheril 2007). In der Bera- tung konstruktiv mit Diversität umgehen zu kön- nen, deckt sich im Übrigen in weiten Teilen mit Anforderungen der Lebenswelt- und Alltagsorien- tierung als Rahmenkonzept beraterischen Han- delns (Sickendiek 2007b). Ebenso wichtig ist die Erfüllung der beratungspolitischen Forderung nach personeller Diversität in Beratungsteams über eine noch immer zu schleppend verlaufende Inte- gration von Kolleg(inn)en mit Migrationserfah- rungen. Sozialkonstruktivistisch orientierte und narrative Beratung Mit dem Aufkommen konstruktivistischer Para- digmen in den zentralen Leitdisziplinen – der Psychologie, der Erziehungswissenschaft und der Soziologie – haben seit Ende der 1980er Jahre auch sozialkonstruktivistische Ansätze in der Bera- tung an Bedeutung gewonnen. Geht man davon aus, dass die (soziale) Wirklichkeit und psychische wie soziale Phänomene vor allem Produkt sozialer Konstruktion sind, werden auch Wissen, Erfah- rungen, Bedeutungszuschreibungen sowie ganz allgemein soziale und persönliche Probleme grundsätzlicher bearbeitbar und veränderbar (Gergen 1999; Gergen 2001). So stellt sich z. B. die Frage, inwieweit psychische Störungen nicht primär Resultate sozialer Konstruktion und ge- sellschaftlicher Vereinbarungen darüber sind, was als krank oder abweichend klassifiziert werden soll (wie sich z. B. in immer neuen Diagnosekata- logen auch psychischer Erkrankungen zeigt) (Nei- meyer /Mahoney 1995; Neimeyer 1998). Fraglich und damit auch bearbeitbar werden so fundamen- tale soziale Kategorien wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit oder sogar Lebensalter als Ergeb- nisse kultureller Zuschreibungen und deren Über- nahme in das Individuum. Besonders instruktiv für Beratung ist entsprechend auch die im Rah- men konstruktivistischen Denkens stehende sozi- alkognitive Auseinandersetzung mit Wahrneh- mungsweisen und Interpretationsmustern eigenen und fremden Handelns und sich daraus ent- wickelnden Selbstkonzepten von Menschen (z. B. im Hinblick auf problematisch werdende Ge- schlechtsrollen oder Zuschreibungserfahrungen aufgrund von Alter oder Hautfarbe).
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