Handbuch 5. Auflage

1580 Sommerfeld  gewinnung einerseits und auf praktische Problem- lösung andererseits bewährt, wird sich tatsächlich erst noch erweisen müssen. Die schlechteste aller Varianten ist aber von der hier entfalteten Position aus, in der Praxis Formen der Datenerhebung im großen Stil zu betreiben und diese nicht an die Wissenschaft der Sozialen Arbeit rückzubinden, und trotzdem diese Form als Forschung der Sozialen Arbeit zu bezeichnen. Denn diese Form der Datengewinnung, die oft unter dem Etikett „Praxisforschung“ gefasst wird, trägt nichts zum Aufbau des Wissenskorpus der Sozialen Arbeit bei, sie entzieht sich den wissen- schaftlichen Qualitätssicherungsverfahren (Diskurs und Einbettung in den Stand des Wissens) und ist daher keine Forschung. Schluss und Ausblick Abschließend stellt sich die Frage, wie die weitere Entwicklung der Forschung der Sozialen Arbeit eingeschätzt werden kann. Oder anders formuliert: Wie kommen wir über die Vereinzelung der For- schungsaktivitäten hinaus zu forschungsbezogenen Diskursen und mithin zu einer Bündelung der Kräfte, sodass ein gesicherter Wissenskorpus der Sozialen Arbeit entstehen kann? Wo sind diesbe- zügliche Ansätze derzeit erkennbar? Dazu folgende Annäherungen: Wenn die hier explizierte Position als Grundlage für die Antworten herangezogen wird und somit das Argument, dass Theoriebildung und Forschung eine Einheit in der Differenz bilden, dann kann man dieses Argument nicht nur gegen die theorie- lose Praxisforschung anwenden, sondern auch ge- gen die forschungslose Theoriebildung. Das heißt, dass sich die Forschung der Sozialen Arbeit als selbstverständlicher, weil zur Theoriebildung kom- plementärer Teil in der Kultur des Faches erst noch vollständig etablieren muss, auch und gerade bei den TheoretikerInnen des Faches. Den Take-Off haben wir ja nun schon einmal geschafft. Die Logik der Forschungspraxis weist dabei in die Richtung, eher von den „großen Erzählungen“ und normativ überdeterminierten Konzepten Abstand zu nehmen und sich der durchaus mühsamen Ar- beit zu widmen, die Praktiken der Sozialen Arbeit genauer anzuschauen. Es lassen sich Anzeichen er- kennen, dass die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit die Kristallisationspunkte bilden (können), an de- nen sich forschungsgestützte Theoriediskurse ent- wickeln, die notwendig sind, um über den Status der Einzeluntersuchungen hinauszukommen. „Auch in der Sozialen Arbeit entstehen zunehmend For- schungszusammenhänge und damit auch Zusammen- hänge der Theoriebildung – Theoriebildung allerdings verstanden als (…) feldbezogene Theoriebildung über eingegrenzte und eindeutig konturierte Gegenstands- bereiche der Sozialen Arbeit, die in der Praxis als solche schon seit langem existieren (wie beispielsweise Jugend- arbeit, Jugendbildungsarbeit, Altenarbeit, Sozialhilfe, (…), Stadtteilentwicklung, Bewährungshilfe usw.)“ (Wil- helm 2006, 40 f.). Die Bedeutsamkeit der Erforschung der Arbeits- felder der Sozialen Arbeit korrespondiert mit einem Trend, der unter dem Begriff „Evidence-Based Practice“ auch die Soziale Arbeit erfasst hat. Vor- derhand hat sich der deutschsprachige Diskurs ei- nerseits kritisch gegenüber diesem Ansatz gezeigt und vor allem vor den Gefahren einer verein- fachenden Instrumentalisierung der Ergebnisse durch die Politik und einer davon ausgehenden de- professionalisierenden Wirkung gewarnt (Otto et al. 2010). Andererseits wurde der davon aus- gehende Impuls als Chance für die Forschungs- tätigkeit der Sozialen Arbeit und die Professionali- sierung betrachtet (Sommerfeld 2005), und zwar weil der entstehende Druck in der Umwelt der Sozialen Arbeit und die damit einhergehenden Entwicklungen die Praxis der Sozialen Arbeit für forschungsbasiertes Wissen öffnet und damit den oben skizzierten „Kreisgang“ erst möglich macht. Die derzeitige Entwicklung des internationalen Diskurses zu Evidence-Based Practice weist in die zweite Richtung. Während zu Beginn neo-positi- vistische Vorstellungen einer theoriefreien For- schung, die sich lediglich durch methodischen Ri- gorismus und die berüchtigten „Levels of Evidence“ begründet (McNeece /Thyer 2004), unter dem Stichwort „What Works“ dominierten, kann heute festgestellt werden, dass die Diskussion erstens wieder auf dem methodologischen Erkenntnis- stand der Wissenschaften angekommen ist. Zwei- tens, und für die Forschung der Sozialen Arbeit zentral, kann ein Wechsel des Leitparadigmas zu „Why Does It Work, If It Works“ festgestellt wer- den und somit ein Drift von „Evidence-Based“ zu

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