Handbuch 5. Auflage
1586 Hörster fältiger Weise von jenen kontroversen Sachverhal- ten durchzogene sozialpädagogische Dispositiv seine Magnetnadel in der Regel auf eine bestimmte Möglichkeit ausrichtet: die Individuen anzuspre- chen und sie „zum teilnehmenden Mitleben in Ge- meinschaften [zu] befähigen“ (Mennicke 2001, 19). Die vorliegende Darstellung geht davon aus, dass ein solcher Begriff von Sozialpädagogik sich imma- nent auf einer bestimmten Ebene ausformt: auf der des kasuistischen Denkmodus. Denn um sich in den Widersprüchen des sozialpädagogischen Dis- positivs zu orientieren und um die kontroversen Sachverhalte diskutieren zu können, bedarf es einer Zeit des Atemholens in einem kasuistischen Bera- tungs- und Übungsraum. Im kasuistischen Raum gewinnen glücklicherweise jene gegenläufigen Ar- tikulationen, die draußen im unübersichtlichen Gelände oftmals streng prinzipiell operieren, an Spiel. In diesem Zusammenhang ist es nicht selten ein konkreter Widerstreit, der Ausgangspunkt ei- nes weitergehenden bestimmenden Studiums ist. Und es ist eben jenes Spiel, das einen besseren Um- gang mit dem jeweiligen Widerspruch im Zusam- menhang mit den Besonderheiten eines Falles er- möglicht – auch wenn die grundsätzliche Kontroverse nicht aufgelöst werden kann. Die Kontroverse im Prinzipiellen belastet jetzt aber den anstehenden Entscheidungsprozess nicht mehr so stark. Walter Benjamin war es, der bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts darauf hin- gewiesen hat, dass es einem Kasuisten niemals um die schlichte Anpassung an irgendein Prinzip gehe, niemals aber auch einfach um seine Ablehnung. Er binde vielmehr die Prinzipien an die Pragmatik all- täglicher Situationen, in der „jedes […] einmal In- strument des Gerechten“ (Benjamin 1980, 205) werde. Da sie durch eine solche Anbindung Prinzi- pien und Konventionen gegenverwirklicht (Stengers 2008, 72), da sie also besonderen Fragen Raum gibt und Ungewissheit absorbiert, macht es die kasuistische Konsultation den Versammelten mög- lich, Konflikte zu hegen und zu begrenzen. Die Konsultation bewirkt dies eigentümlicherweise umso mehr, je besser es ihr gelingt, die Kontroverse mit substanziellen Argumenten zu befeuern, In- halte weitergehend zu bestimmen und auf diese Weise die Inkohärenz der gängigen Prinzipien mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes aufzuwei- chen. Indem sie diese Immanenzebene in den praktischen Wissenschaften und speziell der Sozialpädagogik zum Thema macht, versucht die folgende Argu- mentation die damit gegebenen Bezüge zwischen zirkulierendem Sozialpädagogikbegriff und sich ar- tikulierendem kasuistischem Material zu verdeutli- chen. Der kasuistische Operationsmodus in praktischen Wissenschaften Der Kasuistik begegnet man insbesondere in jenen wissenschaftlichen Disziplinen, in denen prakti- sche Begründungen bedeutsam sind. Das ist vor allem in Disziplinen wie der Rechtswissenschaft, Ethik, Medizin oder Pädagogik der Fall. Jonsen und Toulmin (1988), die solche Disziplinen ein- gehender betrachtet haben, beschreiben ideal- typisch, wie deren Forschungen von relativ kom- plexen Erfahrungen ausgehen, nämlich von sich faktisch artikulierenden Fällen, die einen hohen Aufmerksamkeitsgrad verlangen. Indem man sie erkundet, bezieht man sich begründend auf neue problematische Situationen, allerdings nicht ohne per Analogieschluss Präzedenzfälle mit heran- zuziehen. In deren konkretem Material situiert sich substanzielle Theorie und zeigen sich Lösun- gen vergangener Problemsituationen. Es sind sol- che komplexen Erfahrungen, die die gegenwärtige Regulierung zukünftigen Handelns absichern sol- len. Die Disziplinen, die eher am praktischen Pol des Spektrums angesiedelt sind, unterscheiden sich diesbezüglich graduell von denjenigen, die sich am theoretischen Pol befinden, zum Beispiel der Mathematik. Bei letzteren führt der argumen- tative Ausgangspunkt von einer allgemeinen Prä- misse direkt zum je besonderen Endpunkt, der dieser Prämisse untergeordnet ist; man gelangt so mit Notwendigkeit zu einer bestimmten Schluss- folgerung. Folgt man Jonsen und Toulmin, dann besitzen im Gegensatz hierzu die Schlussfolgerun- gen in den stärker kasuistisch orientierten prakti- schen Wissenschaften lediglich einen wahrschein- lichen Status, halten sie sich doch stets offen für Gegenbeweise. In diesen Disziplinen wird zudem immer deutlicher, dass ebenso relevant wie der analogisch argumentierende Rückgriff auf Präze- denzfälle eine Taxinomie von Konflikt- und Kri- senfalltypen ist, in die man das Fallmaterial ein-
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