Handbuch 5. Auflage
Sozialpädagogische Kasuistik 1587 ordnen kann; sie zu erstellen, ist vermutlich eine wissenschaftliche Herausforderung ersten Ranges. Begründungsleistungen werden in den praktisch orientierten Wissenschaften im Rückgriff nicht nur auf analytische, sondern ebenso sehr auch auf substanzielle Argumente hergestellt. Indem litera- risch möglichst gehaltvolle Berichte „das Vokabular der Akteure laut und deutlich vernehmbar […] machen“ (Latour 2007, 54), verschwindet dieses nicht einfach – wie so oft sonst – in der Beschrei- bung der Analytiker. Kasuisten gelingt es in einem solchen Operationsmodus, die Ungewissheit der beteiligten Entscheidungsträger in der Gegenwart zu absorbieren. Ihr Tun ist darin vergleichbar mit dem so ganz anderen von Wahrscheinlichkeits- theoretikern, aber auch mit dem von realistischen Romanciers (Esposito 2007) und Novellisten (Freud 1895 / 1991; Datler 2004). Denn mit ihren substanziellen Kriterien, die an besonderen Rele- vanzbereichen und Sichtbarkeiten ausgerichtet sind, vermögen Kasuistinnen es gleich diesen, in aktuellen und konkreten Konfliktsituationen An- haltspunkte (Esposito 2007, 24) für die Zukunft zu geben und Wegweisendes zu liefern. Allerdings gilt dies nur mit gewissen beidseitigen Einschrän- kungen des Anspruchs: So können kasuistisch Tätige genauso wenig wie Wahrscheinlichkeits- theoretiker die zukünftige Gegenwart einfach vor- wegnehmen, wie das bisweilen angenommen wird. Mit analogen und wahrscheinlichen Schlüssen geht das nicht, weil diese lediglich den gegenwärtigen Projektionen der Zukunft dienlich sind. Im kasuis- tischen Denkmodus bleibt die Zukunft deshalb zwangsläufig unsicher – genauso wie beim Einsatz der Wahrscheinlichkeitstheorie und darauf basie- render Prognosen. Sicherheit gibt es bestenfalls ak- tuell und für die, die in der Konsultation eine Ent- scheidung vorbereiten, und dies gerade nicht, weil ihr kasuistisches Tun Sachverhalte ans Licht brächte, die mit der zukünftigen Realität kongru- ent wären, sondern nur weil es ihnen, die sich zur Beratung versammeln, eine „transparente Perspek- tive anbietet, die man mit anderen teilen […], auf deren Basis man planen, diskutieren“ (61) kann. Der kasuistische Denkmodus vermag so aber im- merhin – und das macht einen Teil seiner Relevanz aus –, öffentliche Diskussionen zu versachlichen (Dewey 1996, 164f ). Indem sie in dieser Form Ungewissheit absorbiert und denkend in die Gegenwart eingreift, unter- bricht die kasuistische Operationsweise einen kon- flikthaften Entscheidungsvorgang, der unter un- klaren Vorgaben stattfindet. Das kasuistische Tun macht die Unklarheit für die Beteiligten bewältig- bar und bearbeitet Ratlosigkeiten, die vielfach mit dem Konflikt einhergehen: indem es Normen sichtbar macht, bestimmt und hervorbringt. Zum Konsultationsraum wird dieser Raum aus einem bestimmten Grund: Hier sind die zur Debatte ste- henden Sachverhalte der Fälle entsprechend ihrer Widersprüchlichkeit kontrovers artikulierbar. Des- halb kann die Besonderheit von Fällen im offenen Gespräch aus den unterschiedlichen Perspektiven der Versammelten erörtert werden, und zwar um untereinander – vermittelt über die Konfrontation unterschiedlicher Lesarten – den Gehalt abzustim- men, der für eine Entscheidung bedeutsam ist. Das tuend ist die kasuistische Beratung in der Lage, die Momente eines durch Schließung be- drohten krisenhaften Geschehens zu lockern, Restbestände zu reartikulieren, die sonst unter den Tisch fielen, und sie als Elemente eines alternati- ven Sinnhaushaltes neu zu konfigurieren (Stäheli 2000, 247). Mit anderen Worten: Das kasuistische Tun der praktischen Wissenschaften verlangsamt das Geschehen, denn es verlagert die prinzipiellen Momente des Ausgangskonflikts und ist in diesem Aufschub in reorganisierender Weise aktiv. Es ver- sammelt die konfliktuellen Bestandteile neu und macht sichtbar, wie umstritten das Soziale ist (La- tour 2007, 136). Dafür braucht es Zeit; die sich zu nehmen, zeichnet die Akteure im kasuistischen Beratungsraum aus. Vielleicht gelingt es den prak- tischen Wissenschaften hier auch, ihre oftmals sehr weit gesteckte Erwartung, theoretisch Klar- heit zu bekommen, auszugleichen mit dem Um- stand, dass es praktisch unmöglich ist, Mehrdeu- tigkeit und Ungewissheit auszuschalten (Toulmin 1991, 281). Allerdings gibt es Zeit auch in der kasuistischen Beratung nicht unbegrenzt. Das Tun der Kasuisten im buntscheckigen und mannigfal- tigen Zwischenraum wird durch jene letztlich kontingente Entscheidung begrenzt, die die kon- troverse Erwägung des Falles – wie auch im- mer – beendet. Da Mehrdeutigkeit und Wider- sprüchlichkeit der Vorgaben nie vollständig aufgelöst werden können, stellen sie weiterhin Herausforderungen dar. Sie gelten als Herausfor- derungen „jeder ‚wahren‘ Entscheidung“ (Stäheli 2000, 232). Solche Umstände kennzeichnen ganz
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