Handbuch 5. Auflage
Sozialpädagogische Kasuistik 1591 gekennzeichnet ist und auf der sich „das eigene Tun im reflektierenden Gebrauch der Urteilskraft“ (Zander 2000, 642) materialisiert. Dieser Raum dreht sich um die Achsen des aufschiebenden In- szendierens und des verlagernden Transzendierens bei der sozialpädagogischen Formgebung ; die All- tagsberichte dieser Reflexivität werden von Menni- cke als gegeben vorausgesetzt. Sozialpädagogische Kasuistik als kollektive Praxis: Beispiele Der von der sozialpädagogischen Kasuistik her- gestellte Raum bietet angesichts der sich kontro- vers auseinandersetzenden gesellschaftlichen Grup- pen eine Art Windfang für jene stellvertretenden Akteure, die Entscheidungen zu treffen haben. Der halbwegs geschützte Möglichkeitsraum wird in der Ausbildung gewährt in Fallseminaren, Forschungs- werkstätten oder Veranstaltungen multiperspekti- vischer Fallarbeit. In den beruflichen Feldern, z. B. im Hilfeplanverfahren nach dem KJHG (Schwabe 2005), sind Teambesprechungen, staff-conferences , Supervision oder Praxisforschung vorgesehen. Sol- che Arbeitsarrangements in Ausbildung und Beruf als eine spezifische Organisation des Wissens ob- ligatorisch zu machen, u. a. davon dürfte es abhän- gen, wie sich die Qualität der Sozialen Arbeit ent- wickelt. – Aktuelle Vorschläge, Kasuistik in einem solchen Sinne kollektiv zu praktizieren und dabei, sei es explizit oder implizit, einem Begriff von Sozi- alpädagogik zu folgen, liegen vielfach vor. Einige wenige seien herausgegriffen. Reflexionsmöglichkeiten multiperspektivisch zu organisieren, ist die Pointe der kasuistischen Über- legungen Burkhard Müllers (2006); es trägt letzt- lich seine gesamte Sozialpädagogik, die sich vor al- lem um die Entwicklung von Arbeitsbündnissen zwischen Sozialpädagoginnen und Adressaten dreht. Müller verlagert primäres Material, in dem unterschiedliche professionelle und gesellschaftli- che Akteure ihre nicht selten auch kontroversen Definitionen von Situationen präsentieren, um die Fallstrukturiertheit des sozialpädagogischen Feldes sowohl in seiner differenzierten Wissensstruktur als auch in seiner komplexen Dynamik aufzuzei- gen. Anhand von Darstellungen alltäglichen Fall- und Fremdverstehens werden probeweise unter- schiedliche fachliche Relevanzbereiche erörtert und dabei verschiedene Beobachtungsstandpunkte mit Hilfe eines flexiblen Schemas ins verlagernde Spiel der Ausbildung gebracht. Indem das Arbeitsbünd- nis zwischen Sozialpädagogen und Adressaten gleichzeitig als Bildungsbedingung und soziale Bedingung des Lebens begriffen wird, ist der Fluchtpunkt dieses sozialpädagogisch kasuistischen Dissensmanagments die Selbststeuerung der Ar beitsbeziehung durch die Adressaten. Bei den Lernfällen im Umgang mit Krisen von Kunz et al. (2004) geht es darum, in jeweils einer kleinen Erzählung die Kontingenz von Entschei- dungen zu bestimmten Interventionen zur Geltung zu bringen. Auf diese Weise sowie mit Hilfe eines bestimmten bereichsspezifischen Wissens zum Fall möchten die Autorinnen (zwei Kriseninterventi- onspraktikerinnen und eine Theoretikerin) den Leser zu einer eigenen Reflexion anstoßen. Unge- wöhnlich, jedoch naheliegend und im Rahmen ihres Anliegens völlig konsequent ist die Konstruk- tionsweise dieser Erzählungen verschiedener kri- senhafter Verläufe. Denn die Autorinnen konstru- ieren ihre Erzählungen als Prototypen. Zu einem bestimmten thematischen Bereich jeweils haben sie Material aus ihrer Kriseninterventionspraxis ver- sammelt und es typisierend verdichtet, indem sie es „zu einem Prototypen, der typische und charakte- ristische Merkmale trägt“ (Kunz et al. 2004, 13), synthetisierten. Der sozialpädagogische Flucht- punkt dieser Kasuistik ist es, im Rückgriff auf Res- sourcen eine erneute Teilnahme am sozialen Leben durch Beratung möglich zu machen, Krisen zu be- wältigen und sie sich nicht verfestigen zu lassen. Auf ähnlichem Terrain bewegen sich auch Werner Schefolds Einsichten in die Interaktionen zwischen untereinander stark verschachtelten und nur unter großem Aufwand entwirrbaren sozialstaatlichen Leistungen einerseits und kontingenten biographi- schen Ereignissen andererseits (1999). Der Autor arbeitet heraus, inwiefern unter Wandlungsdruck stehende sozialstaatliche Leistungen mit Hilfe eines kasuistischen Denkens erbracht werden, das sich auf individuelle Problemlagen bezieht, und zwar innerhalb eines Verfahrens, dessen Fluchtpunkt in Beteiligung besteht. Der sozialpädagogische Gehalt dieser Studien ist es, im Grenzgebiet zur Sozial- politik deutlich gemacht zu haben, wie individuelle biographische Optionen mit der kollektiven Typik sozialstaatlicher Vorgaben zwar spannungsgeladen zusammenfallen, dieses aber im Deutungsmuster
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