Handbuch 5. Auflage

1596 Köppe · Starke · Leibfried  verbessern, um gesellschaftliche Teilhabe zu er- möglichen (z.B. Bildung, Beratung, Rehabilitation). Diese Typologie erlaubt es, auch Eingriffe jenseits der großen Einkommenstransfersysteme – z. B. auch Interventionen durch Sozialpädagogen und Sozialarbeiter (Kaufmann 2002, 122) – analytisch in den Blick zu nehmen und deren typische Effekte und Eigenlogiken zu fassen. Ein Großteil zumindest der ländervergleichenden Forschung der letzten Jahrzehnte kann dem staats- zentrierten Ansatz zugeordnet werden. Drei zen- trale Indikatoren verdeutlichen dies: Erstens spielt die Analyse der Sozialausgaben eines Staates (Sozialleistungsquote, d. h. Sozialausgaben in Relation zum BIP) spielt in der Staatstätigkeits- forschung traditionell eine große Rolle. Internatio­ nale Vergleichsstudien basieren meist auf der Social Expenditure Database (SOCX), denn sie ermög- licht, Sozialleistungsquoten von bis zu 30 Ländern über mehr als 20 Jahre miteinander zu vergleichen (OECD 2007). Kernstück der SOCX sind Anga- ben darüber, was direkte staatliche Transfers (z. B. Renten, Familienleistungen, Sozialhilfe), Steuer- erleichterungen sozialpolitischer Natur undDienst- leistungen (inkl. staatliche Gesundheitsausgaben) kosten. Sozialausgaben privater Akteure werden seit Kurzem ebenfalls erfasst (siehe nächster Ab- schnitt). Die Länderunterschiede bei den Ausgaben sind beträchtlich: Unter den westlichen OECD- Kernmitgliedern nahm Schweden mit 31,3% des BIP im Jahr 2003 den Spitzenplatz bei den gesam- ten öffentlichen Sozialausgaben ein. Im Vergleich dazu war dieser Anteil in Irland mit 15,9% nur knapp halb so groß, während Deutschland mit 27,3% einen Platz im oberen Mittelfeld einnahm (OECD 2007). Ein zweiter wichtiger Indikator ist der anspruchs- berechtigte Personenkreis (Versicherte, Leistungs- empfänger etc.). Daten über den Deckungsgrad der sozialen Sicherungssysteme und seine Auswei- tung im Laufe der Geschichte des Wohlfahrts­ staates finden sich z. B. in Flora (1986) und Scruggs (2004). Eine dritte Kategorie von Indikatoren gilt dem In- halt und der Ausgestaltung sozialpolitischer Maß- nahmen – wie Lohnersatzraten, die individuelle Sozialleistungen typischer Leistungsempfänger in Prozent des Durchschnittslohns wiedergeben. Die Ausgestaltung von Leistungen kann als das er- reichte Maß „sozialer Rechte“ verstanden werden – ein Begriff, der auf den britischen Soziologen T.H. Marshall zurückgeht. In dessen Darstellung sind zu den bürgerlichen und politischen Rechten im 20. Jahrhundert die sozialen Rechte getreten (Mar- shall 1963 / 1992). Soziale Rechte lassen sich nicht einfach durch die Sozialleistungsquote abbilden, denn sie sind weit mehr als eine Ausgabenkatego- rie: Es handelt sich um verbriefte Rechte des Indi- viduums gegenüber dem Staat. Demnach sind hier neben der Lohnersatzrate auch Zugangsbedingun- gen zu Leistungen, der Grad der Bedarfsprüfung, Wartezeiten u. Ä. von Belang. In dieser Forschungs- tradition stehen das Social Citizenship Indicator Program (SCIP; SOFI 2008) sowie das Compara- tive Welfare Entitlements Dataset (Scruggs 2004). Natürlich gibt es neben den genannten quantitati- ven Indikatoren zahlreiche qualitative Analysen und Datensammlungen zum Inhalt von Sozialpoli- tik. Der Grad der Systematisierung ist jedoch recht unterschiedlich und reicht von relativ schwer zu vergleichenden Beschreibungen eines Landes bis zu systematischen Vergleichen einzelner Programm- bereiche (z. B. Kamerman /Kahn 1997) oder gan- zerWohlfahrtsstaaten (z.B. Scharpf/Schmidt 2000). Weitere Quellen über Leistungen und Zugangs­ bedingungen sind die vergleichenden Überblicks- darstellungen von Organisationen wie der ILO, der EU und der US-Sozialverwaltung (EK 2008; ILO 2008; SSA 2006). Wir sind somit heute in der Lage, die Entwicklung von staatlicher Sozialpolitik umfassend zu be- schreiben und zu analysieren. Sowohl quantitative als auch qualitative Daten geben uns vergleichend Auskunft über so zentrale Aspekte wie die Kosten von Sozialpolitik, die Größe des Adressatenkreises und die Höhe und strukturelle Ausgestaltung von Sozialleistungen. Das Wissen über monetäre Trans- fers ist allerdings immer noch weitaus umfassender als über soziale Dienstleistungen. In den letzten Jahren hat es jedoch eine Hinwendung zu neuen Formen der Sozialpolitik gegeben, die mit dem staatszentrierten Modell nur unzureichend erfasst werden können. Diese neuen Formen sollen im Folgenden unter dem Stichwort „Entgrenzung“ der Sozialpolitik beschrieben werden.

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