Handbuch 5. Auflage

Sozialpolitik 1599 Jahren hat nicht zuletzt dazu geführt, verschütteten Alternativen neuerlichen Raum zu geben. Dies schlug sich in der Forschung und in sozialpoliti- schen Reformen nieder. Aus der heutigen Perspek- tive umfasst Sozialpolitik deshalb alle Ebenen und Funktionen. Die sozialpolitische Koordinierung obliegt jedoch weiterhin dem Staat. Nicht nur, dass der Nationalstaat hinsichtlich des Ausgabenvolu- mens die mit Abstand wichtigste Quelle von Sozi- alpolitik ist; nationalstaatliche Gesetze bestimmen im Allgemeinen die sozialpolitischen Grundregeln, legen den Handlungsspielraum der Akteure fest und spannen den normativen Rahmen für das, was Sozialpolitik ist. Theoretische Ansätze zur Entstehung und Entwicklung von Sozialpolitik Das weite Verständnis der Sozialpolitik etablierte sich erst in den letzten Jahren, sodass sich die ein- flussreichen Theorien zu Entstehung, Ausbau, Umbau und Varianz sozialpolitischer Programme meist auf das enge Verständnis beziehen (siehe Leibfried /Mau 2008; Lessenich 2000; Pierson / Castles 2006; Skocpol / Amenta 1986). Drei Fra- gestellungen dominieren die vergleichende Wohl- fahrtsstaatsforschung: Wie lassen sich die Unter- schiede in Entstehung und Ausbau von Wohl- fahrtsstaaten erklären? Welche Möglichkeiten und Hürden sozialpolitischer Reform lassen sich fest- stellen? Und wie können die Unterschiede zwischen ausgebauten Wohlfahrtsstaaten klassifiziert und er- klärt werden? Entstehung und Ausbau Die Entstehung der Wohlfahrtsstaaten wird ge- meinhin mit drei konkurrierenden Ansätzen er- klärt: Funktionalismus, Institutionalismus oder Machtressourcenansatz. Als vierte Schule wäre noch der neomarxistische Ansatz zu nennen, der dem Funktionalismus grundlegend ähnelt, aller- dings in den letzten zwei Jahrzehnten stark an Be- deutung eingebüßt hat. Der Funktionalismus sieht imWohlfahrtsstaat eine Antwort auf sozioökonomische Veränderungen im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung. Ver- mehrte industrielle Arbeitsteilung, die abnehmende Bedeutung des Landwirtschaftssektors, Urbanisie- rung und Verelendung führen zu neuen sozialen Problemlagen, Risiken und Bedürfnissen. Steigen- der Wohlstand stellt zusätzlich die Ressourcen be- reit, welche für die sozialpolitische Bearbeitung der Probleme benötigt werden. Die These lautet also: Je höher der gesellschaftliche Entwicklungsgrad (z. B. gemessen am Pro-Kopf-Einkommen oder dem Urbanisierungsgrad) ist, desto früher entste- hen Wohlfahrtsstaaten, desto stärker wird der Wohlfahrtsstaat ausgebaut und desto höher ist schließlich die Sozialleistungsquote (Wilensky 1975; 2002, 214). Ähnlich argumentieren marxis- tische Autoren, die Sozialpolitik als funktionale Begleiterscheinung kapitalistischer Entwicklung sehen. Allerdings wird hier der Problemlösung- scharakter von Sozialpolitik weitaus kritischer gese- hen: Als widersprüchliche Folge des Kapitalismus ist Sozialpolitik ein Mittel, die Arbeiterschaft zu kontrollieren, ihre Ausbeutung zu verdecken und Problemlagen nur soweit abzumildern, wie es die Erfordernisse der kapitalistischen Ordnung erlau- ben (Offe 1984; Skocpol / Amenta 1986, 134– 136). Die Einführung der Sozialversicherungen folgt in der Tat einem funktionalistischen Muster: Zuerst wurde meist eine Unfallversicherung auf nationaler Ebene geschaffen, gefolgt von Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung (Alber 1987). Fami- lienpolitische Programme kamen als Letzte hinzu (Schmidt 2005, 182). Die Entstehungsphase na- tionaler Pflegeversicherungen begann erst in den 1990er Jahren und ist noch nicht abgeschlossen. Die Entstehung folgt augenscheinlich der Reihen- folge, in der Industrialisierung problematisch wird. Sozialpolitik erwächst scheinbar in erster Linie ökonomischen Zwängen; politische Prozesse spie- len eine Nebenrolle. Diese Sichtweise konnte jedoch unter anderem nicht erklären, warum Deutschland als ein weit- gehend vorindustriell geprägtes Land mit der Einführung der ersten Sozialversicherungen im 19. Jahrhundert ein Pionier der wohlfahrtsstaatli- chen Entwicklung war. Allgemein konnten der Einführungszeitpunkt und der Ausbau von Sozial- programmen in den westlichen Ländern empirisch nicht allein mit dem erreichten Entwicklungsgrad erklärt werden (Collier /Messick 1975). Die Entstehung und der massive Ausbau der Sozial-

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