Handbuch 5. Auflage

1602 Köppe · Starke · Leibfried  signifikant von den drei Idealtypen unterscheiden und jeweils eine eigene Gruppe bilden. Die Typologie Esping-Andersens ist darüber hinaus „geschlechtsblind“ (O’Connor 1998). Die De- kommodifizierungsdimension beruht auf der An- nahme, dass der Marktzugang bereits erfolgt ist und Arbeitnehmer vor Ausbeutung geschützt wer- den müssen. Frauen haben aber in vielen Ländern keinen gleichberechtigten Zugang zum Arbeits- markt und müssten zuerst einmal „kommodifi- ziert“ werden, um Dekommodifizierungsrechte in Anspruch nehmen zu können. Gendersensible An- sätze schlagen folglich alternative Dimensionen und Typen vor (Orloff 1993; Sainsbury 1994). Die Entstehung der Regime kann auf Grundlage der großen Theorieschulen (s. o.) mit den unter- schiedlichen funktionalen, machtpolitischen und institutionellen Rahmenbedingungen in den Na- tionalstaaten erklärt werden. Der aktuelle politik- wissenschaftliche Diskurs fragt aber auch, wie sich die Regime verändern. Die Typologien sind ausgesprochen statisch und können nicht abbil- den, inwiefern sich Länder möglicherweise inner- halb ihrer Regime modernisieren. Denkbar sind drei Entwicklungspfade: Erstens könnten die rela- tiven Unterschiede trotz aller Umbaumaßnahmen und Reformen bestehen bleiben. Die Typen wür- den sich intern modernisieren und ihre struktu- rellen und normativen Unterschiede bleiben er- halten (Regimestabilität). Zweitens könnten sich die Unterschiede abschwächen oder vollends ver- schwinden (Konvergenz). Drittens könnten die Unterschiede zunehmen und sogar neue Typen hinzukommen (Divergenz). Empirisch lässt sich begrenzt Konvergenz feststellen (Starke et al. 2008): Konvergente Entwicklungen beschränken sich weitgehend auf den Bereich der Sozialausga- ben; hier zeigt sich ein recht deutlicher Aufhol- prozess ( catch-up ) der ehemaligen Nachzügler­ länder (z. B. Schweiz, Südeuropa) auf die bereits stark ausgebauten Wohlfahrtsstaaten. Ein race to the bottom findet hingegen nicht statt – weder im Bereich der Ausgaben noch bei den Lohnersatz- raten. Unterm Strich sind die historisch geprägten Unterschiede zwischen Wohlfahrtsstaaten er- staunlich stabil. Diese Tatsache wird in der De- batte um die angeblich unsichere Zukunft des Nationalstaates häufig ignoriert. Wirkungen von Sozialpolitik Der Befund institutioneller Stabilität sagt noch nichts darüber aus, wie leistungsfähig Sozialpolitik ist. Es gibt heute eine Reihe gut gesicherter Erkennt- nisse zu den Folgen ausgebauter Wohlfahrtsstaat- lichkeit bzw. zu den Effekten unterschiedlicher So- zialpolitiken. Die Bewertungen der Ergebnisse sind allerdings häufig sehr umstritten, und die prakti- schen Schlussfolgerungen hängen von politischen und normativen Präferenzen ab. Da Sozialpolitik zum Teil im Zielkonflikt mit anderen Politiken (Wirtschafts-, Steuer-, Bildungspolitik) steht bzw. mit diesen zusammenwirkt, ist eine Kritik aufgrund einzelner Evaluierungen besonders schwierig. Hier kann lediglich ein kleiner Einblick in das riesige Forschungsfeld der Effekte von Sozialpolitik gege- ben werden. Deshalb werden wir nur die wichtigs- ten Einschätzungen diskutieren, inwiefern Sozial- politik sozial, wirtschaftlich und politisch wirkt (Alber 2001; Schmidt 2005, 255–296). Zu den wichtigsten positiven sozialen Auswirkun- gen der Sozialpolitik zählt die Verhinderung bzw. Verminderung von Armut. Konservative und marktliberale Kritiker wie Charles Murray (1984) haben argumentiert, dass Sozialpolitik systematisch eines ihrer Hauptziele verfehle, da Einkommens­ transfers Armut eher begünstigten und zur Bildung einer dauerhaften „Unterschicht“ beitrügen. Diese Befürchtungen konnten empirisch nicht bestätigt werden – im Gegenteil: Dass Sozialpolitik Armut (absolute und relative Armut) vermeidet, ist wie- derholt nachgewiesen worden (Brady 2005; Scruggs / Allan 2006). Die gleichermaßen pro- minente Kritik, dass weitgehend „von der rechten in die linke Tasche“ (Berthold 1997, 20) umverteilt wird, trifft nicht in dem behaupteten Ausmaß zu und variiert zwischen den Wohlfahrtsstaatsregimen beträchtlich (Mahler / Jesuit 2006). Schwieriger zu beantworten ist z. B. die Frage, inwieweit Sozial- politik zur Inklusion breiter Bevölkerungsschichten in die Gesellschaft beigetragen hat (Bude /Willisch 2007). Unklar ist auch, ob Freiheit durch soziale Sicherheit erst ermöglicht wird oder – wie biswei- len von linken Kritikern geäußert wird – individu- elle Autonomie einschränkt, weil der Sozialstaat paternalistisch Lebensentwürfe normiere und indi- viduelle Gestaltung beschneide, freiwillige Koope- rativen unterbinde und die Pluralität von Lebens- entwürfen unterdrücke (Vobruba 2003).

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