Handbuch 5. Auflage

Sozialpolitik und Soziale Arbeit in der DDR  1615 hilfe wurde eine eng begrenzte Professionalisierung toleriert. Dem gegenüber stellten die erziehenden Berufe in den Kinderkrippen, Kindergärten, Schul- horten sowie in medizinisch-pflegerischen Berufs- gruppen geradezu eine Notwendigkeit zur Realisie- rung der Bildungs-, Familien- und Frauenpolitik, aber auch der Beschäftigungspolitik dar. Eine eng begrenzte Ausbildungskapazität für die Fürsorgebe- rufe wurde auf Fachschulebene realisiert. Die Zu- lassung setzte im Regelfall eine einschlägige beruf- liche Vorausbildung und mehrjährige Berufspraxis voraus und wurde demgemäß in den letzten Jahren der DDR überwiegend als Aufbau- bzw. Zusatz- studium (auch als berufsbegleitendes Fernstudium) angeboten. Zulassungsvoraussetzung nach diesem Modell war für Fürsorger(innen) des Gesundheits- wesens eine medizinische Ausbildung als Kranken- schwester und dgl., für die Jugendfürsorger(innen) eine pädagogische Ausbildung als Erzieher(-in) oder Lehrer(-in). Mindestens ein pädagogisches Fachschulstudium und mehrjährige einschlägige Berufserfahrungen waren Zulassungsvoraussetzun- gen für die rehabilitationspädagogische (sonderpä- dagogische) Ausbildung auf Universitätsniveau und für das (zahlenmäßig eng begrenzte) Aufbau- studium in dem einzigen hochschulmäßigen sozi- alpädagogischen (Aufbau-)Studiengang an der Humboldt-Universität zu Berlin (Dipl.-Päd). Zah- lenmäßig noch enger begrenzt unterhielten die evangelische und katholische Kirche Ausbildungs- stätten für den Bereich der Sozialarbeit, deren Ab- solvent(inn)en Einsatzfelder in den Bereichen Al- kohol- und Suchtvorbeugung, sozialpsychiatrischer Dienst, Behindertenarbeit, sozialdiakonische Ju- gendarbeit und Arbeit mit älteren Bürgern – zu- meist im Rahmen der Caritas bzw. der Dia- konie – fanden (Wergin 1996, 305 ff.). Die Forschungskapazität auf dem engeren Gebiet der sozialpädagogischen bzw. sozialen Arbeit wurde aus den genannten Gründen zunächst jahrelang völlig vernachlässigt und war später äußerst gering bemessen, was sich sowohl in den einseitigen Handlungskonzepten wie in der eingeschränkten Methodenwahl nachteilig auf die Praxis auswirkte. Am ehesten gibt es im Bereich der Krippen- und Kindergartenpädagogik sowie im rehabilitations- bzw. sonderpädagogischen Bereich relevante For- schungsergebnisse. Forschungen auf dem Gebiet der Jugendhilfe und Heimerziehung trugen vor- nehmlich empirischen Charakter und reflektieren deskriptiv verschiedene Handlungsfelder (dazu Bernhardt /Kuhn 1998, 83 ff.). Transformation Der Bruch der in das Gesellschaftskonzept der DDR eingewobenen sozialen Kultur war mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik radikal, weil zum einen das Rechtssystem der BRD 1:1 über- nommen wurde. Zudem hatte z. B. die in der Ju- gendhilfe bis dato grundsätzlich auf Generalprä- vention angelegte Strategie (und in das die Spezialintervention der Jugendhilfekonzeption der DDR eingebettet war) in den neuen Bundeslän- dern mit dem Wegfall der oben beschriebenen ge- sellschaftlich-sozialen Netzwerke keinen Bestand mehr. Letzteres gilt sinngemäß auch für andere Be- reiche der sozialen Arbeit. Fürsorglich-paternalistische Umgangsweisen mit der Klientel wichen autonomieorientierten pro- fessionellen Umgangsweisen. (Böhnisch / Seiden- stücker 2009, 451) Damit einher gingen im Ju- gendhilfebereich (auch im Kontext neuer Zuständigkeiten) ein extremer Stellenzuwachs in den Jugendämtern und zunächst ein radikaler Ab- bau des ehrenamtlichen Potenzials. Mit der Wie- dereinführung des Subsidiaritätsprinzips fand in weiten Bereichen der sozialen Arbeit eine Über- nahme ehemals kommunaler bzw. staatlicher Ein- richtungen in freie Trägerschaft statt. Auch die Kommerzialisierung vom Altenbereich bis hin zu Angeboten im Kinder- und Jugendfreizeitbereich veränderten die bisherige soziale Kultur ein- schneidend. Transformationstheoretiker sprechen von einem deutschen Sonderweg beimWechsel des politischen Systems im Unterschied zu den anderen postsozia- listischen Gesellschaften bezüglich der dominie- renden handelnden Akteure. Auch in weiten Fel- dern der sozialen Arbeit handelte es sich zumindest in den ersten Jahren der gesellschaftlichen Um- bruchsphase (Anfang der 1990er Jahre) vornehm- lich um exogene Entscheidungsträger auf allen re- levanten Ebenen bzw. Schlüsselpositionen, die selten vorhandene Kompetenzen einbezogen, die in der Vorwende- und Wendezeit erworben wur- den. Statt diese Berufs- und Alltagserfahrungen zu nutzen, wurden die eigenständigen ostdeutschen soziokulturellen Traditionen zumeist übergangen

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