Handbuch 5. Auflage
1617 Sozialraum Von Fabian Kessl und Christian Reutlinger Sozialraumorientierung als bestimmendes Fachlichkeits- und Organisationsmuster Sozialer Arbeit „Sozialraumorientierung“ meint sowohl hand- lungskonzeptionelle Reformprogramme als auch kommunal-administrative Strategien der neuen Steuerung in den Feldern Sozialer Arbeit, welche seit Anfang der 1990er Jahre weithin verhandelt werden. Als Forderung nach einer veränderten Fachlichkeit zielen handlungskonzeptionelle Reformprogramme auf einen integrierten und flexiblen Unterstüt- zungsansatz (Deutschendorf et al. 2006). Das „so- zialräumliche“ Umfeld ist demnach deutlicher im Rahmen des sozialpädagogischen Handlungsvoll- zugs wahrzunehmen und gezielter in diesen ein- zubeziehen. In den Fokus werden nahräumliche Beziehungsstrukturen, angrenzende Hilfsange- bote – in professioneller wie bürgerschaftlicher Form – und sozioökonomische wie kulturelle Rah- menbedingungen der sozialpädagogischen Einzel- fallarbeit gerückt. Sozialraumorientierung zielt al- lerdings nicht nur auf den Einbezug des Umfeldes in die Fallarbeit und auf deren Kontextualisierung, sondern auch auf die Aktivierung dieser nahräum- lichen Ressourcen: „In der Haltung der Ressour- cenorientierung geht es darum […] Informationen über das soziale Netz der Adressat(inn)en zu erhal- ten und dem Aufbau und der Aktivierung natürli- cher Unterstützungssysteme […] Vorrang vor pro- fessionellen Hilfen zu geben“ (Hamberger 2006, 110). Als kommunal-administrative Strategie der neuen Steuerung beschreibt Sozialraumorientierung eine an territorialen, geografischen Einheiten ausgerich- tete Dezentralisierung der kommunalen Sozialen Arbeit und der damit zusammenhängenden Orga- nisationsstrukturen (Brocke 2005). Im Zuge dessen sind in den vergangenen Jahren im gesamten deutschsprachigen Raum vor allem Jugendamt strukturen umgebaut worden oder zumindest in den Fokus eines entsprechenden Umbaus geraten: Quartiersbezogene Interventionsteams wurden aufgebaut, Sozialraumbudgets sollten eingeführt und damit verbunden bezirksbezogene Angebots- strukturen installiert werden (Landeshauptstadt München Sozialreferat, Stadtjugendamt 2005; Herrmann 2006). Diese Dezentralisierungsbestre- bungen sind zugleich kein singuläres Phänomen in den Feldern Sozialer Arbeit, sondern stehen im Kontext der „aktuell laufenden Modernisierung von Staat und Verwaltung“, wie sie seit den 1990er Jahren zu beobachten sind (Krummacher et al. 2003, 148 f.). Dieser allgemeine Dezentralisie- rungstrend findet auf Seiten der Vertreter(innen) einer sozialraumorientierten Neujustierung Sozia- ler Arbeit in der Form Fürsprache, dass die beste- hende institutionelle Ausdifferenzierung der Sozia- len Arbeit und insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe als „Versäulung“ von Hilfearten kriti- siert wird ( Bürokratiekritik ). Diese „Säulen“ agier- ten, so die Annahme, unter dem Dach der städti- schen oder Kreisjugendämter zumeist nur nebeneinander und nicht miteinander: „Viele Ju- gendämter leiden an hartnäckiger Bereichsbor- niertheit und verbrämen dies als Spielraum für in- dividuell definierte Fachlichkeit oder standardfreie kollegiale Beratung“ (Hinte 1999, 85). Diese be- reichsspezifische „Versäulung“ soll daher durch die Schaffung neuer, zumeist territorial begrenzter Zu- ständigkeitsräume abgelöst werden. Sozialraumori- entierte Re-Organisation beschreibt in diesem Fall eine Dezentralisierung entlang spezifischer Territo- rien als „Bezugsgröße für die Konzentration von Personal und anderen Jugendhilfe-Ressourcen“. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art149, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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