Handbuch 5. Auflage

1618 Kessl · Reutlinger  Andere Modelle setzen an Stelle eines starken Ter- ritoriums- einen Lebensweltbezug als Ausgangs- punkt des geforderten „Umbau[s] von Steuerungs- systemen und Organisationen“ (Budde / Früchtel 2006, 28). Ziel ist aber in beiden Fällen die Reali- sierung einer „praktische[n] Entwicklungsaufgabe vor Ort“ (248). Als „sozialraumorientiert“ werden beide Entwick- lungsstränge tituliert, der Strang der Aktivierung wie der Strang der Dezentralisierung , weil sie sich – wenn auch in unterschiedlicher Akzentuie- rung – auf kleinräumige Einheiten (Lebenswelt oder sozialer Nahraum) oder Areale (Stadtteile, Bezirke oder Nachbarschaften) beziehen (Ham- burger /Müller 2006; Sandermann /Urban 2007). Die beiden Entwicklungsstränge werden im sozial- pädagogischen Alltag außerdem häufig eng mit- einander verkoppelt, wie der idealtypische Verlauf einer sozialraumorientierten Reform in einer bun- desdeutschen Kommune symbolisieren kann: Ur- bane Sozialräume werden sozialkartografisch er- fasst, beispielsweise als „benachteiligte Stadtteile“, die auf Basis sozialstatistischer Daten (z. B. Anteil von ALG-II-Empfänger(innen) oder Anteil von Migrant(inn)en identifiziert und in kommunalen Sozial- und Kriminalitätsatlanten kartiert werden. Diese kleinräumigen Einheiten dienen dann als Markierung der Bevölkerungsgruppen, die als Ziel- gruppen sozialraumorientierter Angebote aus- gemacht werden. Deren ungenutzte oder zu wenig genutzte Ressourcenpotenziale werden schließlich als brachliegendes „soziales Kapital“ sozialpädago- gisch und damit als aktivierende Größe in den Blick genommen: „Der Vorschlag, sich (in der sozi- alarbeiterischen Praxis) des Konzepts vom Sozialen Kapital zu bedienen, zielt auf […] [die] Aktivie- rung und Ausweitung der lebensweltlichen Bezie- hungen und […] der Ressourcen“ (Pantucek 2008). Die sozialpädagogische Rede vom Sozialraum Auf der diskursiven Ebene, das heißt in der „sozial- pädagogischen Rede vom Raum“ (Kessl / Reutlin- ger 2010), wie sie ebenfalls seit den 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum zunehmend einfluss- reich geworden ist, manifestieren sich vor allem zwei Argumentationsmuster: erstens arbeitsfeld- spezifische Ansätze in den Bereichen der Hilfen zur Erziehung der (offenen) Jugendarbeit und der Ge- meinwesenarbeit und zweitens Handlungsmodelle für die Soziale Arbeit insgesamt. Korrespondierend zu den genannten sozialpädagogischen Ansätzen finden sich ähnliche Argumentationsmuster in der Debatte um die (Neu-)Etablierung einer Gemein- depsychologie und -psychiatrie (Keupp 1997) oder der Rede von lokalen, kommunalen und regiona- len „Bildungslandschaften“ (Bollweg /Otto 2010). Die sozialraumorientierten Ansätze, die arbeits- feldspezifisch argumentieren, knüpfen an beste- hende sozialpädagogische Traditionen und Fach- lichkeitsverständnisse an und suchen diese zugleich kritisch weiterzuentwickeln, sei es durch eine „sozi- alräumliche[n] Konzeptentwicklung“ in der Offe- nen Kinder- und Jugendarbeit (Deinet 2005, 18 ff.), der „Innovation“ von „integrierten Erzie- hungshilfen“ (Koch et al. 2002, 25 ff.) oder als „Weiterentwicklung von Gemeinwesenarbeit“ (Ros­ tock 2009, 54). Aktivierungs- und Dezentralisie- rungsaspekte werden hier vor dem Hintergrund der arbeitsfeldspezifischen Traditionslinien unter- schiedlich aufgenommen und entsprechend über- setzt. Parallel zu diesen arbeitsfeldbezogenen Ansätzen finden sich unterschiedliche Mehrebe- nen- und „Ganzheitlichkeitsansätze“, deren Ziel nicht nur die (sozialraumorientierte) Modernisie- rung einzelner Arbeitsfelder, sondern der Sozialen Arbeit an sich ist. Diese zweite Gruppe strebt daher eine „Verbindung unterschiedlicher sozialarbeiteri- scher Handlungsansätze“ (Früchtel et al. 2007, 22) an, ein „Handeln der Fachkräfte auf allen Ebenen, aus einem Guss“ (Hinte 2006, 14) bzw. die „Inte- gration der Perspektiven und eine Verknüpfung verschiedener methodischer Konzepte“ (Riege / Schubert 2005, 44). Diese Autor(inn)en suchen somit, den Aktivierungs- und den Dezentralisie- rungsstrang in einem Handlungsmodell zu ver- einigen.

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