Handbuch 5. Auflage
Sozialraum 1619 Sozialraumorientierung in unterschiedlichen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit Das Modell der integrierten und flexiblen Hilfen zur Erziehung Zu Anfang der 1990er Jahre wurden im Bereich der Hilfen zur Erziehung als ein Kernfeld der bun- desdeutschen Kinder- und Jugendhilfe die beste- henden Praxislogiken grundlegend in Frage gestellt. Als deren zentrales Charakteristikum diagnosti- zierte Thomas Klatetzki die „wohldefinierte[n] und gegeneinander abgrenzbare[n] sozialpädagogi- sche[n] Hilfeformen […], die jeweils gesondert für sich organisiert werden müssen“ (1995b, 6). Dieser angebotslogischen Differenzierung setzten Kritiker wie Klatetzki das Konzept von „flexiblen“ und „in- tegrierten“, nachfrageorientierten Angebotsstruk- turen entgegen (1995a). Diese Modelle, wie das Anfang der 1990er Jahre in Mecklenburg-Vorpom- mern etablierte Modell der „Jugendhilfestationen“ (Möbius 1998), wurden zugleich zu einem Be- standteil umfassender Modernisierungsbewegun- gen. Um „integrierte und flexible Erziehungshil- fen“ zu erreichen, wird deshalb seither eine sozialraumorientierte Neujustierung der Sozialen Arbeit in zweifacher Weise angestrebt: erstens auf der Ebene der Organisationen als enge „Koope- ration der Träger“, da nur diese die Erbringung von „integrierte[n] und sozialräumlich organisierten[n] Hilfen“ ermögliche (176) und zweitens auf der Ebene der Akteure, das heißt der direkten Erbrin- gungssituation selbst. Hier gelte es, „Ressourcen (der Lebenswelt und des sozialen Nahraums) [zu] aktivier[n]“, indem „flexible Organisationen“ ge- meinsam erarbeitete Hilfeoptionen und notwen- dige Unterstützungsleistungen für den jeweiligen Einzelfall individuell realisieren und sich dafür ent- sprechend zuständig sehen (Koch /Wolff 2005, 379 f.). Es geht den Vertretern eines integrierten und flexiblen Ansatzes also darum, „Menschen in ihren eigenen Impulsen nach Veränderung zu un- terstützen, auf ihre eigenen Ressourcen im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe zu bauen und nicht nur individuelle Problemlösungsstrategien gemeinsam mit den Klient(inn)en zu entwickeln“ (377). Die- ses letztlich auf eine lebensweltliche Perspektive bauende Modell wurde insbesondere in der Phase seiner Implementierung im Rahmen des Bundes- modellprojekts Integra (Peters /Koch 2004) in Be- zug auf die rechtliche, finanzierungs- und steue- rungstechnische Machbarkeit höchst kontrovers diskutiert (Münder 2001). Im Zentrum steht dabei das Steuerungsinstrument der „Sozialraumbud- gets“, das im Zusammenhang der Implementie- rung neuer kommunaler Steuerungsmodelle Ende der 1990er Jahre entwickelt wurde (KGSt-Bericht 12 / 1998). Budgets als zentrales Instrument der Verwaltungsmodernisierungsprozesse, wie sie seit Anfang der 1990er Jahre im bundesdeutschen Kontext realisiert wurden, versprechen den Durch- führungsverantwortlichen eine höhere Entschei- dungs- und Handlungsfreiheit (Hinte 2002). Sozi- alraumbudgets, deren Bezugsgröße die territoriale Einheit „Sozialraum“ darstellt, sollen in diesem Sinne den Trägern der Hilfen zur Erziehung eine größere Flexibilität ermöglichen und zugleich ein präventiveres und effektiveres Agieren gewährleis- ten. Kritiker dieser Budgetierungsform setzen dem entgegen, dass die Implementierung solcher Bud- gets vor allem im Zeichen einer Legitimation all- gemeiner kommunaler Einsparpolitiken stehe (Krölls 2002), die Vertreter deren politisch-legiti- matorische Einbindung in das „Aktivierungspara- digma“ (Dahme /Wohlfahrt 2004, 14 ff.) nicht in den Blick nähmen oder dessen Legitimation sogar mit dynamisierten, die Sozialraumbudgetierung zu massiven jugendhilferechtlichen Schwierigkeiten führe (Münder 2002) und zentrale jugendhilfe- politische Fragen weiterhin ungeklärt seien (Wies- ner 2002). Die Modelle einer sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit Analog zu dem konzeptionellen Ansatzpunkt der integrierten und flexiblen Erziehungshilfen richten auch die Modelle einer sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit (Deinet 2005; Krisch 2009) ih- ren Fokus auf die Nachfragerseite: Aus einer aneig- nungstheoretischen Perspektive, wie sie vor allem Ulrich Deinet (1990) im Anschluss an die Arbeiten des sowjetischen Tätigkeitspsychologen Leontjews vorschlägt, gerät der „Sozialraum“ als „Handlungs- raum“ (Krisch 2009, 25) der Kinder und Jugend- lichen in den Blick: „Indem der ‚Raum‘ der Jugend- arbeit anregend wirkt, Kindern und Jugendlichen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=