Handbuch 5. Auflage
1628 May dann vor allem akademisch und im Zuge von Fort- bildungen als sog. „3. Methode der Sozialarbeit“ (May 2001b). Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt der bundes- deutschen Fachrezeption sozialraumbezogener Me- thoden war dabei neben CO das Konzept von „community development (CD)“. Dieses wurde im Zusammenhang mit Bemühungen Großbritan- niens nach dem 2. Weltkrieg „in ihren sich verselb- ständigenden Kolonien noch rasch eine Massen- erziehung zu Demokratie und wirtschaftlicher Selbstversorgung zu bewerkstelligen“ (Wendt 1989, 6) geprägt, fand darüber hinaus auch Ein- gang in die Programme zum Wiederaufbau in Westeuropa und gelangte schließlich durch Erklä- rungen der Vereinten Nationen zu weltweit großer Verbreitung. Darin wird CD als ein Set von Me- thoden beschrieben, „durch den die Eigenbemü- hungen der Bevölkerung verbunden werden mit denen von Regierungsbehörden, um die wirt- schaftliche, soziale und kulturelle Lage der Ge- meinden zu verbessern, diese in das Leben der Na- tion zu integrieren und sie in den Stand zu versetzen, voll zum nationalen Fortschritt beizutra- gen“ (UN ST, TAO, 1963, M14). In der Rezeption von CO und CD erstrebte die ohnehin mit der fachlichen Qualifizierung ihres Berufes beschäftigte, aufstrebende Profession So- zialer Arbeit „eine methodische Erweiterung ihrer Handlungskompetenz in makrosoziale Gestal- tungsvorgänge hinein“ (Wendt 1989, 8). Für die Bundesrepublik wegweisend war in dieser Hinsicht das Lehrbuch von Murray ROSS (1968, 58), in dem er in der Tradition von CO eine geradezu operationale Definition von GWA lieferte als Pro- zess, durch den „ein Gemeinwesen seine Bedürfnisse und Ziele feststellt, sie ordnet oder in eine Reihenfolge bringt, Vertrauen und den Willen entwickelt, etwas dafür zu tun, innere und äußere Hilfsquellen mobilisiert, um die Bedürfnisse zu be- friedigen, dass es also in dieser Richtung aktiv wird und dadurch die Haltungen von Kooperation und Zusammen- arbeit und ihr tätiges Praktizieren fördert“. Zudem unterschied Ross in Anlehnung an den doppelten Gebrauch des Begriffes „community“ als geographischer und funktionaler, wie er in der amerikanischen Diskussion schon seit den 1920er Jahren zur Systematisierung einer entsprechenden sozialraumbezogenen Sozialarbeit herangezogen wurde, einen auf Integration und Zusammenwir- ken als Gemeinschaft bezogenen „funktionalen“ Ansatz von einem „territorialen“ , der sich auf ein geographisch begrenztes Gemeinwesen in seiner Gesamtheit bezieht (zur Kritik May 2008b). Diese methodische Differenzierung wurde auch in der schon ab den 1950er Jahren in den Niederlanden als „maatschappelijk opbouwerk“ eingeführten Form sozialraumbezogener Arbeit aufgegriffen und noch um eine „kategoriale“ Dimension ergänzt (Boer /Utermann 1970, 164 f.), welche auf die Organisation von Menschen mit einem gemein- samen Kennzeichen – wie z. B. Lebensalter, eine bestimmte Problemsituation, Herkunft etc. – in einem umschriebenen Sozialraum zielte, ohne dass jedoch zwischen ihnen eine Gruppenbeziehung zu bestehen braucht. Obwohl Boer /Utermann (164 f.) betonten, dass neben Professionalität die bürgerschaftliche Par- tizipation unabdingbar für den Erfolg solcher sozi- alraumbezogener Methoden sei, vernachlässigten die bundesdeutschen Adaptionsversuche, dass im Unterschied zur angelsächsischen und niederlän- dischen Kommunalstruktur der Spielraum für bürgerschaftliche Selbstverwaltung und kollektive demokratische Selbsthilfe durch das deutsche Ge- meinderecht erheblich eingeschränkt ist, weil dieses ja von der prinzipiellen Allzuständigkeit der Ge- meinde für die Belange der Bürger ausgeht. So ge- wann z. B. in den USA das in der Kennedy-Ära ausgearbeitete Konzept des „war on poverty“ eine besondere gesellschaftliche Brisanz durch seinen vergleichsweise antibürokratischen Charakter und die Maxime der „most feasible participation“ (Brückner 1984, 418). Die Kampagne hatte zwar im Hinblick auf die anvisierte Beseitigung von Elend nur äußerst begrenzt Erfolg. In Auseinander- setzung mit der darin gesammelten Erfahrung wurden jedoch stärker aktivierende und radikaler ansetzende GWA-Ansätze entwickelt. Hervorzuheben in dieser Hinsicht ist vor allem das von Saul Alinsky (z. B. 1973; 1974) in gewerk- schaftlicher Tradition geprägte Konzept des „or- ganizing“, welches soziale Bewegungen durch He- rausstellen von Interessengegensätzen und durch erlebtes Unrecht in Gang zu setzen versucht(e). Als wesentliche Aspekte von „organizing“ arbeitete Alinsky heraus: eine genaue Kenntnis der Pro- bleme vor Ort als Teil des Organisierungsprozesses,
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