Handbuch 5. Auflage

Sozialraumbezogene Methoden 1629 Auskundschaften der Machtkonstellationen, Mo- bilisierung von informellen Führern im Stadtteil, Verbreiterung der Machtbasis durch Unterstüt- zungsgruppen innerhalb und außerhalb des Stadt- teils sowie schließlich der Rückgriff auf kreative, konfliktorientierte Aktionsformen aus dem Erfah- rungsbereich der Betroffenen, die sehr stark auf die ihnen vertraute „Waffe des Spotts“ setzen. Diese amerikanische Diskussion wurde im Zuge der sog. 68er-Bewegung von besonders aus dem Hochschulbereich, aber auch aus dem Bereich der Kirchen sich entwickelten Initiativgruppen auf- gegriffen (Bahr /Gronemeyer 1974). Wiederbelebt wurde sie dann in der vor allem in den Jahrbüchern der Gemeinwesenarbeit ausgetragenen Kontroverse zwischen Strategien von Interessenorganisation auf der einen Seite und fachpolitischer Eigeninitiative sowie stellvertretender Einmischung auf der ande- ren Seite. In dieser plädierte Klöck (1994, 151) zu- nächst für eine „Wiederaufnahme“ des Alinsky- schen„organizing“imRahmeneinesübergreifenden Konzeptes von „Empowerment“ und positionierte sich damit eindeutig auf der Seite von Interessen- organisation. Im Jahrbuch 6, in dem es vor allem um den Zusammenhang von GWA und der damals stark in die Diskussion gekommenen Gemeinwe- senökonomie (s. u.; ausführlicher May 2004; 2008a, Kap. 3) ging, ist er (Klöck 1998b) dann je- doch für eine Synthese von „organizing“ mit Kon- zepten stellvertretender Einmischung und fach- politischer Eigeninitiative als für ihn nun gleichrangige und -wertigeWege zur Machtbildung in entsprechenden „Verbundkonzepten“ eingetre- ten. In diesem Diskussionszusammenhang wurde auch schon früh vor einer methodischen Isolation der GWA als 3. sozialarbeiterischer Methode gewarnt. Mit Blick auf den ursprünglichen Prozesscharakter von CO begann sich die Rede von GWA als einer „Aktionsrichtung sozialer Arbeit“ zu etablieren. Später dann erklärten Boulet et al. (1980, 146 ff.) GWA zum „Arbeitsprinzip“ sozialer Berufstätigkeit schlechthin. Dabei sollten die von ihnen nun dia- lektisch materialistisch aufzuheben beanspruchten und damit explizit politisch zugespitzten Dimen- sionen bzw. Ordnungskriterien von territorialer, funktionaler und kategorialer GWA (146 ff.) den integrierten Zugriff auf ein räumlich erkennbares und subjektiv wahrgenommenes Gemeinwesen organisieren helfen. Oelschlägel hat sich dann in den folgenden 30 Jahren sehr dafür engagiert, GWA als eine „sozial- kulturelle Interventionsstrategie“ (2001, 653) zu profilieren, wobei „GWA“ von ihm nicht nur als „Arbeitsprinzip“, sondern auch als ein spezifisches „Arbeitsfeld“ in den Blick genommen wurde (654). In diesen 30 Jahren hat jedoch die Diskussion um sozialraumbezogene Methoden einen rasanten Wandel erfahren. Angestoßen wurde dieser durch die sog. „Neuen sozialen Bewegungen“ der 1980er Jahre. Schon immer verstärkten sich in Zeiten der Ver- schärfung ökonomischer Krisen notgedrungen ge- nossenschaftliche Ansätze und solche kollektiver Selbsthilfe, was nun in der schon angesprochenen Diskussion um Gemeinwesenökonomie Gestalt annahm. Das spezifische der „Neuen sozialen Be- wegungen“ war jedoch, dass sie als Alternative zu dem bürokratielastigen und eingriffsorientierten Image der zentralstaatlichen Einrichtungen Sozia- ler Arbeit in ihren Projekten auch ein mehr an Par- tizipation einklagten. Aufgegriffen wurde diese In- tention vor allem in den von Hans-Uwe Otto zusammen mit Siegfried Müller und Thomas Olk propagierten „Strategien einer gebrauchswertorien- tierten Sozialarbeitspolitik in der Kommune“ (Müller et al. 1983, 133) als „professionelle Seite der Medaille des Kampfes für bessere Lebensbedin- gungen und für Selbstbestimmung der Adressaten“. Wenn Hans-Uwe Otto – besonders in seinen Ar- beiten gemeinsam mit Gaby Flösser (z. B. Flös- ser /Otto 1992) – dann selbst in den 1990er Jahren seinen Begriff der kommunalen Sozialarbeitspolitik auf das Gesamtsystem der personenbezogenen Dienstleistungen bezogen und dieses in Form eines „Managements des Sozialen“ nachfragegebunden zu konzipieren versucht hat (zur Kritik May 2005a, 214 ff.) dann bilden sich darin in ganz besonderer Weise die bereits angesprochenen Diskursverschie- bungen ab. Schon aus der Perspektive des fordistischen Wohl- fahrtsstaates schienen sozialraumbezogene Metho- den ein durchaus probates Mittel darzustellen, um einerseits das gleichermaßen ineffektive wie ineffi- ziente Chaos von Einzelmaßnahmen – besonders in der Sozialen Arbeit aber auch der Stadtentwick- lung – zentralisierend zu beheben und zugleich unter dem Slogan „mehr Demokratie wagen“ (Willi Brandt) über mehr Bürgernähe Konflikt- potenziale abzubauen (May 2001b). Vor diesem

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