Handbuch 5. Auflage
Sozialstaat, Föderalismus, Soziale Arbeit 1637 Soziale Arbeit als Teil sozialpolitischen Handelns Teil dieser sozialstaatlichen Tätigkeit ist auch die Soziale Arbeit, die vor allem die Risiken der Men- schen, die im Alltag der Lebenswelten entstehen, auffangen soll. Mit der Herausbildung Sozialer Arbeit als Beruf, die ihre ersten fachlichen Grundlagen durch die zwischen 1905 und 1908 von Alice Salomon ge- gründeten ersten Frauenschulen für Soziale Arbeit (Landwehr / Baron 1983, 69) erhielt, wurde diese Tätigkeit zunehmend professionalisiert. Zugleich aber wurde sie zu einem wesentlichen sozialen Kompensations- und Integrations-, in Teilen auch zu einem Disziplinierungsinstrument. Gerade die Wohnungs- und Berufsnot junger Menschen und auch die Wanderungsbewegung vom Land in die Städte zu Beginn des 19. Jahrhunderts führte zum raschen Ausbau insbesondere „fürsorgerischer“ An- gebote. Diese sollten zwar vom „Erziehungsgedan- ken“ geprägt sein (§2 RJWG), in der Praxis waren sie jedoch über einen langen Zeitraum hinweg – bis weit in die 1970er Jahre hinein – de facto Eingriff und Kontrolle. Dies gilt vor allem für erzieherische Maßnahmen, die Fürsorgeerziehung und Freiwil- lige Erziehungshilfe. Dies setzte sich zunächst auch noch nach 1945 fort. Insbesondere angesichts der Berufsnot und Heimatlosigkeit junger Menschen wurde die So- ziale Arbeit zu einem wesentlichen Anker der sozi- alintegrativen Arbeit Anfang der 1950er Jahre. Aber auch in dieser Zeit gelang es kaum, Soziale Arbeit als „ Hilfe zur Erziehung “ auszugestalten. Vielmehr blieb sie in weiten Teilen ihrer Eingriffs- und Kontrollfunktion treu. In der aktuellen De- batte um die Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren wird das Bild einer in dieser Zeit eher von repressiven Gedanken geprägten Erzie- hung sichtbar (Runder Tisch 2010, Zwischenbe- richt). Mit der Verwissenschaftlichung der Ausbildung insbesondere durch die Gründung von Fachhoch- schulen und den Studiengängen „Soziale Ar- beit / Sozialpädagogik“ kam es nicht nur zu einem erheblichen Professionalisierungsschub. Eine wei- tere Folge war die zunehmend wissenschaftsbasierte Tätigkeit sowie der Ausbau methodischer Ansätze. Erziehungsberatung, Familienberatung, Sozialpä- dagogische Familienhilfe, Jugendhilfeplanung, der Hilfeplan, das sind Stichwörter die diese Entwick- lung kennzeichnen. Auch die stärkere Vernetzung mit anderen Feldern, wie z. B. Gesundheit, Arbeits- marktpolitik, Schule etc. sind Ausdruck für ein systematisches auf einem konzeptionellen Grund- verständnis basierten Handlungsansatz. Soziale Arbeit ist heute ein vielschichtiges Theo- rie- und Praxisfeld. Sie ist der Förderung der menschlichen Entwicklung verpflichtet und be- schäftigt sich mit individuellen Krisen und sozia- len Problemlagen. Zugleich sichert und struktu- riert sie soziale Bedingungen dort, wo die Anforderungen gesellschaftlichen Lebens die Möglichkeiten der Selbstbehauptung von Einzel- nen oder Gruppen übersteigen. Zwar gibt es keine klare Abgrenzung und auch Zuordnung, was alles an sozialer Tätigkeit der Sozialen Arbeit zuzuord- nen wäre. Soziale Arbeit versteht sich eher als ein Oberbegriff für Sozialpädagogik und Sozialarbeit (Rauschenbach 2005, 802), dem die Tätigkeiten in der Erziehung, Familienhilfe, Altenhilfe und auch des Pflegebereiches zuzuordnen sind. Der Kern Sozialer Arbeit ist weitgehend den Tätig- keitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zu- zuordnen, aber auch die pflegerischen Berufe z. B. in der Altenpflege, gehören dazu. Seit Anfang der 1970er Jahre, insbesondere auch mit der Gründung der Fachhochschulen für Sozial- arbeit und Sozialpädagogik, hat Soziale Arbeit ei- nen erheblichen Professionsschub und eine fachli- che Erneuerung erfahren. Es bildeten sich nicht nur neue differenzierte Angebote, z. B. in der Bera- tung, den Hilfen zur Erziehung, der Kinder- und Jugendarbeit aber auch in anderen sozialen Berei- chen, wie z. B. die Arbeit mit alten Menschen he- raus. Z. B. stieg die Zahl der in den sozialen Beru- fen tätigen Fachkräfte von rd. 250.000 im Jahr 1978 auf über 1,3Mio. im Jahr 2003. Auch hat es eine deutliche Verschiebung in der Angebotsstruk- tur gegeben. Waren in den 1970er Jahren eher die Bereiche der Erziehungshilfen dominierend, so ist heute der Elementarbereich das inzwischen ge- wichtigste Feld, was mit rd. 12 Mrd. Euro öffent- lichen Zuwendungen zu Buche schlägt und rd. 380.000 Erzieherinnen und Erzieher umfasst (Rauschenbach 2005, 803). Soziale Arbeit erweitert den Teil der klassischen Sozialpolitik um die das Aufwachsen von Kindern flankierenden Leistungen und Angebote der Erzie- hung und Bildung. Ausgangspunkt der Sozialen
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