Handbuch 5. Auflage

1638 Schäfer  Arbeit ist zwar die funktionierende Familie als pri- vater Ort der Erziehung und Betreuung. Um aber eben dieses Funktionieren auch herstellen und si- cherstellen zu können – insbesondere dann, wenn Familie überfordert ist oder es zu Vernachlässigun- gen von Kindern kommt – bedarf es ergänzender und unterstützender manchmal auch eingreifender Maßnahmen, die direkt auf das gelingende Auf- wachsen von Kindern und Jugendlichen abzielen. Zudem ist es seit Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz mehr und mehr zu einer Verstetigung und auch Ausweitung des „ Auf- wachsens in ö ffentlicher Verantwortung “ (BMFSFJ 2002) gekommen. Das zeigt sich vor allem an dem enormen Bedeutungszuwachs der Kindertagesein- richtungen, aber auch an den neuen Formen der Ganztagesschulen, zumeist in Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe (StEG-Studie) und auch einer Zunahme von Leistungen zur Unterstützung der Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Erziehungs- aufgaben (Statistisches Bundesamt 2008 – KJHG- Statistik). Soziale Arbeit als Teil kommunaler Sozialpolitik Soziale Arbeit ist nicht auf den engeren Bereich der Hilfe und Unterstützung in individuellen Notlagen zu beziehen. Der Grundgedanke der allgemeinen Förderung für alle Kinder („ Jedes Kind hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit “, § 1 Abs. 1 SGB VIII) hat sich durchgesetzt und den Blick auf die Lebenswelt junger Menschen geöff- net. Ein Beispiel hierfür ist die „ Einmischungsstrate- gie “ (Mielenz 1981), die darauf abzielte, dass So- ziale Arbeit nur dann im Sinne der Sicherung zufriedenstellender Lebensverhältnisse erfolgreich sein kann, wenn sie sich auch in „problemverursa- chende Bereiche“ einmischt und die Belange der Betroffenen einbringt. Auch die Lebensweltorien- tierung (BMJFFG 1990) hat zu einem erweiterten Blick der Situation der Betroffenen und zur stärke- ren Sozialraumorientierung geführt. Dieser Per- spektivenwandel hat das fachpolitische Profil So- zialer Arbeit geschärft und sichtbar gemacht, dass „Gesellschaftlichkeit und Politikimmanenz der Sozialen Arbeit“ (Müller / Peter, in Bielefelder AG 8, 2008, 25) in weiten Teilen zu einem konstituti- ven Element Sozialer Arbeit geworden ist. Diese Perspektive war auch gegen eine zunehmende The- rapeutisierung und Pädagogisierung gerichtet, die weniger die sozialen Lebensumstände als vielmehr die jeweils individuelle Situation im Blick hatte. Die Fokussierung auf eine Beeinflussung von Le- bensumständen und Handlungsperspektiven schlägt sich auch in den gesetzlichen Normen wie- der. Wenn z. B. in §3 Abs. 3 Nr. 4 als eine Aufgabe der Sozialen Arbeit aufgenommen wurde, dass sie „ dazu beitragen (soll), Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen “, dann wird dies nicht mit einem engen und nur auf erzieherische Hilfe konzentrierten Ver- ständnis Sozialer Arbeit zu realisieren sein. Viel- mehr bedarf es hierzu den über diesen engen Be- reich hinausgehenden sozialräumlichen und gesellschaftlichen Blick. Dieser Blick braucht eine über den „Fall“ hinausgehende Problemanalyse ebenso, wie eine Professionalität, die auf struktu- relle Rahmenbedingungen der Betroffenen in der sozialen Realität eingehen kann. Soziale Arbeit und Bildung Neuere Entwicklungen betreffen in jüngster Zeit insbesondere den Bildungsaspekt Sozialer Arbeit und der Kinder- und Jugendhilfe. Hintergrund sind insbesondere die Ergebnisse internationaler Leistungsvergleichsstudien, wie z. B. die PISA-Stu- die (Baumert et al. 2001) die dem deutschen Bil- dungssystem bescheinigten, dass in keinem ande- ren Land der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängig ist wie in Deutschland. Wenngleich sich zunächst die Debatte auf den Schulsektor bezog, so wurde sehr schnell auf die Begrenztheit schulischen Lernens hingewiesen und vor allem der Bildungsbegriff diskutiert. „Bildung ist mehr als Schule“ (BJK et al. 2002) ist eine These, die der Schule zwar nicht ihren wichtigen Stellenwert als Lernort streitig macht, aber auf an- dere Orte der Bildung aufmerksam hinweist, die – mehr als Schule – Bildungsprozesse viel le- bensweltnäher gestalten und initiieren. Die Soziale Arbeit griff diese Diskussion schnell auf (z. B. BJK et al. 2002; BMBF 2004; Otto / Rau- schenbach 2004; BMFSFJ 2005). Es zeigt sich auch in der Praxis, dass die Soziale Arbeit Bildungs-

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