Handbuch 5. Auflage
Sozialstaat, Föderalismus, Soziale Arbeit 1639 verantwortung hat und diese auch wahrnimmt. Die dem erweiterten Bildungsbegriff zu Grunde liegenden Dimensionen der Bildung ( Teilhabe und Verantwortung; Wirksamkeit des eigenen Handelns und Veränderbarkeit der Verhältnisse; Aneignung und Gestaltung von Räumen; Kulturelle Praxis; Lebens- bewältigung ) (BMBF 2004, 25) ermöglichen an- satzweise und ohne Anspruch auf systematische Geschlossenheit Bildung in einem weiteren Ver- ständnis. Für die Soziale Arbeit ist damit die große Chance gegeben, ihr ganz spezifisches Bildungs- profil in die öffentliche Debatte einzubringen und somit auch ihr Bildungsprofil zu schärfen. Am stärksten wirkt sich dieser Prozess derzeit in den Feldern aus, die für sich immer schon einen Bil- dungsanspruch formuliert hatten: in der frühkind- lichen Bildung in den Tageseinrichtungen für Kinder; in den Ganztagsschulen; in der außerschu- lischen Bildung, z. B. in der verbandlichen, der of- fenen und der kulturellen Jugendarbeit und in der Jugendsozialarbeit. In diesen Bereichen hat sich der Bezug zur Schule verstärkt und es ist an vielen Or- ten eine engere Zusammenarbeit entstanden. Soziale Arbeit macht damit sichtbar, dass sie neben ihrer sozialpädagogischen Aufgabe der Prävention und Hilfe auch eine bildungspolitische Kompetenz einbringt. Dies bietet für die Soziale Arbeit „die Möglichkeit, aus ihrer traditionellen Randständig- keit innerhalb des Bildungswesens herauszufinden und in öffentlich akzeptierten und geförderten Aufgaben (der Bildung, d. Vf.) Anerkennung zu finden“(Thiersch 2004, 238). Kritisch muss gegen eine manchmal aufkommende zu große Bildungseuphorie eingewendet werden, dass Soziale Arbeit sich nicht darauf einlassen darf, im schulischen Bildungssystem immer mehr bil- dungspolitisch in die Pflicht genommen zu werden (Otto / Rauschenbach 2004, 24). Das würde sie nicht nur in die Schwierigkeit bringen, ihre fachli- chen und strukturellen Besonderheiten, die sich aus dem Prinzip der Freiwilligkeit der Teilnahme ergibt, wie der Werteorientierung und der Plurali- tät, tendenziell zu verlieren. Sie würde dann wahr- scheinlich mehr als Hilfsinstrument von Schule agieren, denn als eigenständiger Bildungsakteur mit eigenen methodischen und fachlichen Stan- dards. Für die Soziale Arbeit ergibt sich aus einer an- erkannten Zuweisung von Bildungsaufgaben he- raus dennoch insgesamt die Chance, ihre besonde- ren sozialpädagogischen Aufgaben mit denen der Bildungsförderung zu verbinden und daraus ein eigenes Handlungskonzept entstehen zu lassen, welches auch die Tradition Sozialer Arbeit berück- sichtigt. Insoweit sind Soziale Arbeit und Bildung zwei Seiten derselben Medaille (Otto / Rauschen- bach 2004), die sich aber durchaus unterschei- den. Der Kostendruck auf die Soziale Arbeit Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen und der wirtschaftlichen und sozialen Einbrüche erscheinen Debatten im gesellschaftlichen und po- litischen Raum, die auf eine Begrenzung sozialer Dienstleistungen hinauslaufen, unpassend. Hinter der Frage „Wie viel Sozialstaat können wir uns noch leisten?“ steckt auch die Frage nach den Rah- menbedingungen und der Qualität der Sozialen Arbeit. Die Lage der öffentlichen Haushalte lässt kaum mehr Zuwächse zu, allenfalls dort, wo es un- abänderlich erscheint, wie z. B. in der frühen Bil- dung und, weil es sich ebenfalls um Rechts- anspruchsaufgaben handelt, in den Hilfen zur Erziehung. Hinsichtlich der finanziellen Ausstattung der So- zialen Arbeit fällt auf, dass der Zuwachs und auch die erforderliche Ausstattung regional unterschied- lich sind und ein enger Zusammenhang zu öko- nomischen Disparitäten besteht (Rauschenbach et al. 2009, 104 ff.). Große Teile der Kommunen machen bereits geltend, dass sie – angesichts der Entwicklung kommunaler Finanzen – die Kosten auch für einen Ausbau der Sozialen Arbeit kaum werden aufbringen können. Schon in den aktuellen Haushaltsberatungen zeichnen sich in den Kom- munen deutlich Tendenzen ab, Einsparungen auch in der Sozialen Arbeit vorzunehmen. Dies betrifft vor allem die Kommunen, die sich in der Haus- haltssicherung befinden. Ihre Zahl nimmt zu, was zu erheblichen Rissen und Brüchen in der Ange- botsstruktur führt.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=