Handbuch 5. Auflage
166 Dewe und rechtliche Teilhabemöglichkeiten und -chancen sowie ihre individuellen Durchsetzungsmöglichkei- ten diskursiv enorm unter Druck. An diesem Pro- zess ist Beratung (etwa in Form von Sozialberatung) als Abfangeinrichtung zur Vermeidung von Exklusi- onsrisiken in erheblichem Maße beteiligt. Empiri- sche Forschung hat hier ein noch wenig erforschtes Terrain zu bearbeiten. Die aufgezeigten Facetten von Beratungsforschung lassen jedoch schon deutlich er- kennen, dass sie in der von normativen Vorstellungen geprägten Beratungslandschaft für Unruhe sorgt. Birke et al. (2006, 1) konstatieren deshalb auch: „Beratungsforschung ist in mehrfacher Hinsicht eine Provokation: Ihre im Gegenstand und Problembezug an- gelegte Transdisziplinarität muten der sie tragenden Forschung, insbesondere aber der Beratungspraxis Re- flexionen über Konstruktion und Wirkung ihres Wissens zu.“ Unter Bezugnahme auf den laufenden Diskurs über Beratung und in Erweiterung seiner bisheri- gen Fokussierung auf „Professionalität“ und „Ex- pertenwissen“ ist zu prüfen, so die Autoren, welche gesellschafts- und organisationsanalytische Bedeut- samkeit empirische Einblicke in die Beratungs- branche entfalten können. „Umgekehrt steht auch die Leistungsfähigkeit (sozialwis- senschaftlicher – d.V.) Forschung und Theoriearbeit auf dem Prüfstand, wenn neue Wissensformen und Bera- tungsarrangements nicht nur als Teil, sondern auch als Motor sozialen und organisationalen Wandels zu diag- nostizieren sind“ (Birke et al. 2006, 1). Ein Blick auf den Forschungsstand kann zeigen, wie differenziert sich die beratungsrelevanten Kon- texte, Situationen, Wissensstrukturen und Akteure darstellen, die bisher bereits in Studien zur Bera- tungsforschung zum Thema gemacht wurden. So haben verschiedene empirische Studien zum Inter- aktionsprozess von Beratern und Klienten im Kon- text personenverändernder Dienstleistungen die besonderen institutionellen Rahmungen des kom- munikativen Austauschprozesses im Kontext von Beratung thematisiert (vgl. Luhmann 1989). Sie haben die große Diffusität der Interaktionsbezie- hungen hervorgehoben, da hier keine verlässlichen „Technologien“ (Luhmann / Schorr 1982) voraus- gesetzt und Kausalität sowie Mittel-Rationalität des Handelns nicht unterstellt werden können. Quali- tative Studien zur „Mikrologie von Beratungsbezie- hungen“ liegen mittlerweile ebenfalls vor (u. a. Nothdurft et al. 1994; Riemann 2000). Sie zeigen, dass die Rezeption expertenhaften Sonderwissens hier stets an den lebenspraktischen Kontext der Klienten gebunden bleibt, der die Relevanzkriterien für die Selektion des Wissens darstellt. Die Studie von Schmitz, Bude und Otto (1989) steht für den Versuch, die eine Verlaufstypologie von Beratung aufzuspüren. Prozesse von „knowledge creation and knowledge use in professional contexts“ (Eraut 1985) sind demgegenüber Gegenstand einer von Keupp, Straus und Gmür (1989) durchgeführten Untersuchung. Anhand von offenen Interviews mit Klienten von Beratungsstellen wurde hier der Pro- zess der Verwissenschaftlichung psychosozialer Be- ratung sowie die Verwendung unterschiedlicher Typen psychologischen Wissens in der Berater- Klienten-Interaktion analysiert (auch Reim 1995). Darüber hinaus haben konversationsanalytische Auswertungen (Wolff 1986) von Beratungspro- tokollen (Kroner /Wolff 1989) und von Sprech- handlungen zwischen Sozialarbeitern und Klienten im Bereich der Jugendgerichtshilfe (Jungblut 1983; Lau /Wolff 1982) gezeigt, dass es für eine angemes- sene Beurteilung von Interaktionsstrategien von Beratern und Klienten unabdingbar ist, den spezi- fischen Charakter der Situationen, in denen solche Strategien (wie beispielsweise die Kontrastierung von professionellen und alltäglichen Wissens- beständen) zum Einsatz gelangen, in den Fokus empirischer Analyse zu rücken, um die „strukturel- len Realitäten“ in Beratungszusammenhängen sichtbar werden zu lassen (siehe auch Iding 2000). Vor diesemHintergrund lassen sich die allgemeinen Behauptungen von der „Dominanz der Experten“ (Freidson 1975) und der „Entmündigung durch Experten“ (Illich et al. 1979) sachhaltig nachweisen bzw. korrigieren, etwa durch die These von Bera- tern als „Experten wider Willen“ (Dewe 2009). Der dritte thematische Bereich, zu dem vor nehmlich ethnomethodologisch inspirierte quali- tative Studien vorliegen, lässt sich mit dem Stich- wort Klientenforschung beschreiben (Dewe 2009). Hier wird der psychosoziale Beratungsprozess aus der Perspektive der tatsächlichen oder potenziellen Klienten betrachtet, wobei dem Konstruktionspro- zess des Klient-Werdens größere Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem des Klient-Seins. In den
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