Handbuch 5. Auflage
Sozialstatistiken 1651 Zahlen zu liegen. Deshalb werden für eigene For- schungsvorhaben, die quantitative Dimensionen berücksichtigen, bevorzugt eigene (aufwendige) Erhebungen durchgeführt, anstatt auf die amtli- chen Datenbestände zurückzugreifen. Dabei wird allerdings verkannt, dass die Ergebnisse der amtli- chen Kinder- und Jugendhilfestatistik zur gesell- schaftlichen Konstruktion der Jugendhilfe zuneh- mend verwendet und zur Basis von politischen Entscheidungen gemacht werden. Lüders plädiert daher für eine „intensive disziplinäre Auseinander- setzung mit der amtlichen Statistik“ (Lüders 1997, 104) und formuliert fünf Perspektiven für den künftigen Umgang: Die Jugendhilfestatistik könnte als Prüfinstanz für 1. theoretische Behauptungen verwendet werden: Der Ausbau flexibler Erziehungshilfen führt z.B. zu einer Abnahme der Heimeinweisungen. Sie könnte als Instanz der Verortung der eigenen 2. Forschungsergebnisse verwendet werden, indem z.B. nach einer Studie über Einzelfallhilfen anhand der amtlichen Statistik aufgezeigt wird, welche Re- levanz diese Hilfearten in der regionalen Verteilung überhaupt haben. Unerwartete Ergebnisse der Jugendhilfestatistik 3. können als Ausgangspunkt für eigene Forschun- gen und Forschungsfragestellungen verwendet werden. Die Jugendhilfestatistik könnte als Basis für eine 4. Sozialberichterstattung in den Bereichen Sozialpäd agogik / Sozialarbeit und Jugendhilfe verwendet werden. Insgesamt sollte sich die Wissenschaft verstärkt 5. mit der Weiterentwicklung der Jugendhilfestatistik auseinandersetzen, um noch differenziertere Er- kenntnisse zu gewinnen (Lüders 1997, 107 f.). Allerdings stellt sich die Nutzung nicht von alleine ein. Die amtliche Statistik wird von der Forschung erst dann aus dem Dornröschenschlaf erweckt, wenn sich einzelne Vertreter der Wissenschaft auf die Sekundäranalyse einlassen und damit akzeptie- ren, dass nicht jede Fragestellung mit dem vor- handenen Material beantwortet werden kann und manchmal nur indirekte Hinweise gewonnen wer- den können, die aber zumindest erste Tenden- zen – wenn auch grobe – erkennen lassen. Zu Anfang des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhun- derts gab es eine intensive Debatte über die Verbes- serung der Nutzung der amtlichen Statistik für die Wissenschaft (Schilling 2003, 22 ff.). Als Kon- sequenz wurden von den Statistischen Landes- ämtern die sogenannten Forschungsdatenzentren (www.forschungsdatenzentrum.de) eingerichtet. Dort haben wissenschaftliche Einrichtungen die Möglichkeit, mit den anonymisierten Einzeldaten der unterschiedlichen Statistiken zu arbeiten. Dies stellt einen wichtigen Schritt in der Verbesserung der wissenschaftlichen Nutzung der amtlichen Statistik dar. Fazit Die amtlichen Sozialstatistiken, insbesondere die Struktur- und Leistungsstatistiken, sind von ihrer ursprünglichen Ausrichtung Statistiken für die Verwaltung und Politik auf Landes- und Bundes- ebene. Diese zentrale Funktion haben sie immer noch, allerdings wurden einige Sozialleistungssta- tistiken in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Es werden nicht nur einfach die gewährten Leis- tungen gezählt, sondern vielfältige weitere Infor- mationen über die Adressat(inn)en bzw. Hilfe- empfänger(innen), die Art der Hilfe bzw. Leistung und die institutionellen Strukturen der Leistungs- erbringung erfasst. Somit werden Statistiken zu einem brauchbaren Instrument der Sozialplanung auf der Ebene des Bundes und der Länder sowie teilweise auch für die kommunale Ebene. Statisti- ken stellen nicht nur Eckdaten bereit, um die Haushaltsansätze des nächsten Jahres abzuschät- zen, sondern ebenso Informationen über die Hin- tergründe der Hilfegewährung und teilweise sogar schon über den Erfolg der Hilfen. Dies gilt ins- besondere für die beiden Fachstatistiken zur Sozi- alhilfe und zur Kinder- und Jugendhilfe. In dieser wachsenden Ausdifferenzierung werden die Erhe- bungsergebnisse auch zunehmend interessanter für die wissenschaftliche Forschung. Insbesondere die Umstellung der Kinder- und Jugendhilfestatis- tik und der Sozialhilfestatistik auf Individualerhe- bung liefert die Möglichkeit, sekundäranalytisch auch weiterführende und neue Fragestellungen mit dem Datenmaterial zu beantworten, die bei der Konzeption des Erhebungsinstruments noch gar nicht berücksichtigt wurden. Die Erkenntnis- möglichkeiten werden dabei noch gesteigert, wenn die Erhebungsergebnisse einzelner Teilstatistiken
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