Handbuch 5. Auflage
Sozialwirtschaft 1659 sondern auf einer Verbindung derselben im Sinne einer gegenseitigen „Durchdringung von formel- lem und informellem Wirtschaften“ (Wendt 2008c, 1019). Für sozialwirtschaftliche Unternehmen bedeutet die Berücksichtigung der unterschiedlichen Logi- ken, dass sie unterschiedlichen Stakeholdern ge- recht werden müssen und in aller Regel nicht nur der wettbewerbsorientierten Handlungslogik des Marktes folgen können, sondern als „hybride Orga- nisationsformen“ (Evers et al. 2002, 20 ff.; Pankoke 2008; Roß 2009) genauso der hierarchisch-legalis- tischen Steuerungslogik des Staates und der auf Solidarität bauenden Logik des Dritten Sektors ent- sprechen müssen. Eine sozialwirtschaftliche Dienst- leistungsökonomie ist insofern herausgefordert, den betriebswirtschaftlichen Zugang zu verknüpfen mit Konzepten und Fragen der Produktion sozialer Dienstleistungen aus Volkswirtschaftslehre, Polito- logie und Soziologie, z. B. der Forschungen zu Wohlfahrtsproduktion und Wohlfahrtspluralismus (Grunwald 2005, 1795 ff.; Grunwald /Thiersch 2003; Evers /Olk 1996) und zur Zivilgesellschaft (Roß 2009). (4) Die ökosoziale Theorieperspektive ermöglicht ei- nen Rückgriff auf ein „frühes“ Verständnis von Ökonomie, bei dem „soziales und ökonomisches Agieren“ noch nicht gedanklich und disziplinär ge- trennt waren (Wendt 2008c, 1020). Aus Sicht der ökosozialen Theorie ist wirtschaftliches Denken und Handeln, das „Bedingungen der Knappheit“ reflektiert, für die „soziale Sphäre“ nichts Äußerli- ches, sondern immer schon eine wichtige Dimen- sion des Sozialen, die der Gewährleistung einer hinreichenden Versorgung angesichts knapper Res- sourcen dient – dies lässt sich unter Bezugnahme auf den „antiken oikos“ zeigen (Wendt 2008c, 1020). „Subsistenzerfordernisse“ der Individuen, „Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung“ und „formelle öffentliche Daseinsvorsorge“ durch staatliche Bereitstellung von Mitteln und gesetzli- chen Grundlagen sind aus dieser Perspektive nicht grundsätzlich voneinander getrennt, sondern mit- einander verknüpft, weswegen Sozialwirtschaft sich aus ökosozialer Sicht „als eine auf individuelle und gemeinschaftliche Qualität des Lebens angelegte Wirtschaftsform der Selbsthilfe, der gegenseitigen Hilfe und der gemeinschaftlichen Versor- gung konzipieren“ lässt (Wendt 2008c, 1020). Im Zentrum stehen somit „die Haushaltsentschei- dungen auf jeder Ebene des organisierten Zusam- menlebens und der Produktion von Wohlfahrt“ (Wendt 2008b, 957). Der sozialökologische Blick auf die Sozialwirtschaft(slehre) hat schließlich eine interessante Parallele in der Gemeinwesenöko- nomie, insoweit Wirtschaften dort „als zentraler Bestandteil des sozialen Lebens im Gemeinwesen“ verstanden wird (Elsen 2007, 30). (5) Die Theorieperspektive der solidarischen und sozialen Ökonomie hebt hervor, dass begriffliche „Verknüpfungen von Solidarität und Produktivität, von sozialer Kultur und ökonomischer Struktur (…) Doppelbindungen zwischen inkongruenten Perspektiven “ markieren: „ökonomische Rationalität und soziale Solidarität, politi- sche Souveränität und wohlfahrtsstaatliche Subsidiarität, Privatinteresse und öffentliche Verantwortung, Moral und Kalkül, strukturelle Zwänge und kulturelle Kräfte, System und Lebenswelt“ (Pankoke 2008, 431; Hervorhebung im Original). Diese „zueinander inkongruente(n) Perspektiven zweckrationaler und wertrationaler Orientierung (sind) in ihren Wechselwirkungen zu betrachten“, wobei sie theoretisch zu unterscheiden, in der Pra- xis jedoch interaktiv zu verknüpfen sind (Pankoke 2008, 431). Aus feministischer Sicht wird der Stellenwert von häuslicher Arbeit und Sorgearbeit, die überwie- gend von Frauen erbracht werden, für die Funk- tionsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft be- tont. Produktion und Reproduktion sowie bezahlte und unbezahlte Arbeit sind aus dieser Sicht nicht zu trennen (Madörin 2001). Wirtschaften muss „von den Bedürfnissen der Menschen und Ge- meinwesen aus“ gedacht werden, es geht „um Le- bensqualität, um die gerechte Verteilung der er- arbeiteten Werte, um selbst bestimmtes Leben und den Umgang mit der Natur“ (Elsen 2007, 11). Als wichtig erachtet werden die Beziehungen zwischen den Menschen und ihre qualitative Ausgestaltung. Die Folie, vor der Prozesse und Strukturen der Er- werbswirtschaft zu betrachten sind, besteht in dem „lebensweltlichen Horizont sorgenden und versor- genden Handelns von Menschen“, welche als „prinzipiell aufeinander angewiesen und von- einander abhängig“ begriffen werden (Wendt 2008c, 1020). Die Begriffe des „vorsorgenden
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