Handbuch 5. Auflage

1660 Grunwald  Wirtschaftens“ (Biesecker et al. 2000), der „solida- rischen Ökonomie“ (Möller 2001), der „Solidar- wirtschaft“ (Pankoke 2008) oder der „care eco- nomy“ (Madörin 2001) heben hervor, dass Verantwortung und Sorge füreinander als öko- nomisch relevant anzusehen sind ( →  Brückner, Care – Sorgen als sozialpolitische Aufgabe und als soziale Praxis). Damit wird das klassische Rationa- litätsverständnis der Ökonomie (Valcárcel 2004, 1237) – rational handelt ein Individuum immer dann, wenn es die Maximierung einer bestimmten Zielgröße wie beispielsweise den erwarteten Nut- zen zu erreichen sucht – variiert in Richtung auf ein grundlegendes gegenseitiges und (teilweise) ge- meinsames Interesse der Menschen (Madörin 2001). Die Dienste und Einrichtungen des formel- len Systems der Versorgung von und Sorge für Menschen sind grundsätzlich herausgefordert, die individuelle und / oder gemeinschaftliche Sorge der Nutzerinnen und Nutzer bei ihren institutionellen Aktivitäten zu berücksichtigen, weil nur auf diese Weise eine abgestimmte, effektive und effiziente gemeinsame Sorgearbeit von formellem und infor- mellem System ermöglicht werden kann. Mit dieser Perspektive eng verbunden ist die Frage, an welchen normativen und ethischen Zielen sich Ökonomie ausrichtet. Möller betont in diesem Kontext, dass die Definition von Zielen für ein weit verstandenes ökonomisches Handeln grund- legend normativ geprägt ist. Solche Ziele „sind Soll-Aussagen, die sich in einem permanenten ge- sellschaftlichen Diskurs herausbilden und verändern. Sie weisen dem ökonomischen Handeln eindeutig dienende Funktion zu, sind also übergeordnete Leitbilder“ (Möller 2001, 48). Insofern lassen sich daraus klare Vorgaben ableiten für die Frage, nach welchen Kriterien das gemein- same Wirtschaften und Arbeiten in einer Gesell- schaft ausgerichtet werden soll. Vor diesem Hinter- grund lässt sich auch das Konzept der Solidarischen Ökonomie genauer präzisieren: „Ziel eines bedürfnisorientierten, solidarischen Wirtschaf- tens ist es,Wirtschaften, Arbeit, Lernen und Leben wieder zu verbinden mit der Absicht, eine gute und sich mög- lichst verbessernde Lebensqualität auf der Basis einer lo- kal orientierten und überörtlich vernetzten Selbstversor- gung für alle herzustellen“, und zwar im Sinne einer „Ökonomie für ein quali- tativ besseres Leben“, nicht als „Armutsökonomie“ (Möller 2001, 48 f.; Hervorhebung im Original). Es geht um „die Einheit der produktiven und re- produktiven Tätigkeiten auf der Grundlage der Produktivität der lebendigen Natur“, um die Handlungsprinzipien der „Vorsorge, Kooperation und Orientierung am ‚Lebens-Notwendigen‘“ (Biesecker et al. 2000, 9 f.). Dazu gehört dann auch, dass Formen unbezahlter und dennoch ge- sellschaftlich notwendiger Arbeit, wie sie vor allem von Frauen übernommen werden, in einer Volks- wirtschaft sichtbar gemacht werden. Zu einer „Ökonomie für ein qualitativ besseres Leben“ ge- hört aber auch die Auseinandersetzung mit dem Raubbau der natürlichen Lebensgrundlagen, wes- wegen Elsen präzisiert: „Die Ökonomie des Sozialen zielt in einem umfassenden Verständnis also nicht nur auf die Kompensation von Staats- und Marktversagen, sondern beruht auf einer ei- genen Handlungslogik der Integration sozialer und öko- logischer Ziele in wirtschaftliches Handeln, welches sozial eingebunden ist“ (Elsen 2007, 30). Hier ist eine deutliche Verbindung zur ökosozialen Theorielinie erkennbar. (6) Ergiebig ist schließlich eine Analyse der Funk- tionen und Institutionen der Sozialwirtschaft aus der Sicht von Politikwissenschaft und Soziologie unter Bezugnahme auf das Theorem der reflexiven Modernisierung . Diese Theorieperspektive verweist darauf, dass Organisationen, Gemeinschaften und Individuen im Zuge der „Modernisierung der Mo- derne“ neue Wege der Problembearbeitung ent- wickeln (Beck et al. 1996, 9). In der Auseinander- setzung mit und Reaktionen auf Konsequenzen der Risikogesellschaft bilden sich in der mit der zwei- ten Moderne einhergehenden Zivilgesellschaft neue Formen von individuellem Engagement und gemeinschaftlicher Selbsthilfe aus. Damit kann die Sozialwirtschaft in einer Weise aktiv werden, „die sich von der bloß reaktiven Funktion herkömm- licher Wohlfahrtspflege und kooperativer Selbst- versorgung unterscheidet“ (Wendt 2008c, 1021). Beispiele hierfür sind Projekte der Gemeinwesen- ökonomie und der Stadtteilentwicklung, in denen nicht nur Lösungen von sozialwirtschaftlichen Diensten für Betroffene angeboten werden, son- dern unmittelbar Beteiligte innovative Wege aus

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